Kranke Kinder

Ich habe nun die Verantwortung für die medizinische Versorgung der Kinder im Kinderheim in Los Cedros übernommen. Zwar bin ich davon nicht so erfreut, aber mir dauerhaft anzuschauen, dass die Kinder nicht so gut versorgt sind, kann ich mit meinem Gewissen auch nicht verantworten. Ich habe das Gefühl, dass seit meiner Entscheidung, so viele Kinder krank waren wie noch nie. Gott sei Dank habe ich einen netten, koorperativen Dorfarzt gefunden, zu dem ich die Kinder bringen kann. In vielen Behandlungen bin ich mir zwar sicher, dass man das in Deutschland nicht so machen würde, aber welchen Standard kann ich anlegen? Wir sind hier in einem armen Entwicklungsland und unsere Resourcen sind begrenzt.  

Ich bin erschöpft nachdem ich nun täglich Kinder untersuche, mit Kindern beim Arzt war und dann die Behandlungen einleiten und überwachen muss. Unsere Kindermädchen sind kein medizinisches Personal und nicht gewöhnt medizinische Kurven zu führen. Hautkrankheiten, Durchfallerkrankungen, Parasiten, Kopfläuse, Bronchitis, Asthmaanfälle machen eine saubere Dokumentation aber unerlässlich.

Es ist auch nicht einfach auf einem Kontinent in dem eine weitverbreitete Medikamentengläubigkeit besteht. Es kann dir übelgenommen werden, wenn du sagst, wir warten einmal ab und schauen wie sich der Husten entwickelt oder der Durchfall. Als ich eine Kopfplatzwunde einer 3-jährigen vorgestern versorgte war eine Mitarbeiterin verwundert, dass ich ihr kein Schmerzmittel gab. Aber wozu? Das Mädchen schaute dabei fern und war total vergnügt und äußerte keine Schmerzen.

Gestern brachten zwei Mitarbeiter des Familienministeriums ein etwa fünfjähriges Mädchen aus einem anderen Heim bei uns vorbei. Sie hat ihr ganzes Leben in einem Kinderheim verbracht, ein Geburtsdatum existiert nicht und wurde auch nie festgelegt, so dass sie immer „etwa irgendwas“ alt ist und Papiere oder Impfausweis hat sie auch nicht. Was sie allerdings überreichlich hat sind Kopfläuse. Ja, sagte mir die Mitarbeiterin heute am Telefon, das habe ich gesehen. Ja dann hätte sie ja mal was sagen können. Nachdem die Kleine alle unsere Kinder begrüßt und beschnuppert hatte, haben wir es dann auch gesehen. Beim nächsten Mal bin ich schlauer. Erst entlausen, auf Hautkrankheiten und andere Parasiten untersuchen, dann zu den anderen Kindern lassen. Aber was ist das für eine Begrüßung. Ausziehen und Absuchen.

Sie soll bald adoptiert werden und ihre zukünftigen Eltern sollen sie bei uns besuchen. Wenn sie sich an die Leute gewöhnt hat, sollen wir ein psychologische Gutachten erstellen, dass sie bereit ist zu ihren Adoptiveltern zu ziehen. Das heißt sie wird erst einmal aus „Ihrem“ Kinderheim geholt und soll sich von einem fremden Heim aus an neue Eltern gewöhnen. Ich hätte ja Lust in das Gutachten zu schreiben: sie braucht jetzt noch eine geraume Weile um das Trauma von einem Heim zum nächsten zu verkraften. Aber sie schient ein ganz glückliches, vergnügtes kleines Mädchen zu sein, das gar nicht schüchtern ist und so nehme ich an, wird sie es vermutlich – zumindest oberflächlich betrachtet –  ganz gut verkraften. 

Ja so was passiert hier ständig. Wir nehmen uns immer vor einmal was Schönes, Entspannendes zu unternehmen, aber irgendwie ist das schwer. Ich werde ein Kindermädchen zu meiner Assistentin ausbilden und die kann dann mit den Kindern zum Arzt gehen, Tabletten austeilen und Kurven erstellen, Kinder wiegen und messen und Fieber messen. Vielleicht kommen Andreas, Gabriel (unser Pflegekind) und ich dann mal an den Strand. Einmal im Jahr an den Strand zu fahren, der gerade einmal eine Autostunde von hier entfernt ist, ist zu wenig.

Und heute sagte uns die Physiotherapeutin Gabriel müsste wegen seiner Muskelschwäche mehr auf Sand laufen. Gras ist hier nicht ungefährlich wegen der giftigen Insekten, aber auf Sand und Steinen soll er laufen. Ein Grund mehr zum Strand zu fahren. Irgendwann dann mal.

Ein Gedanke zu „Kranke Kinder

  1. Marc

    Hallo Marion, hallo Andreas,

    ich hoffe Ihr kommt klar und überfordert euch nicht all zu sehr. Ich schaue hier immer wieder mal vorbei und freue mich jedes mal darüber von euch zu lesen. Ich glaube Ihr seid eine große Hilfe für all die Kinder denen Ihr helft.

    Alles Gute und Gottes Segen,

    Marc

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