Archiv des Autors: Marion

Yakareli

Wir hatten vor ca. einem halben Jahr ein kleines Mädchen vom Familienministerium bekommen, deren Mutter sie auf dem Gemüsemarkt stehengelassen hat und ihr unmissverständlich klargemacht hat, dass sie sie nicht mehr haben will. Da es von ihr keine Vergrößerung: Mit Yoseling und JackarelliUnterlagen gab, haben wir ihr Alter an Hand ihrer Größe und ihres Gewichtes auf ca. 5 Jahre geschätzt (unter Berücksichtigung einer wahrscheinlichen Fehl- und Mangelernährung). Einige unserer Mitarbeiter erkannten sie wieder als ein Mädchen, das an einer großen Ampel Managuas bettelte. Ihre Sprache war verroht, ihre Haare verlaust, ihr Blick immer mitleideregend und anklagend zugleich und ihre Tischmanieren nicht so richtig vorhanden. Sie ertrug keine Korrektur (die aber notwendig war –  schon alleine wegen der anderen Kinder!) und reagierte immer mit völligem Rückzug und der Aussage „Keiner liebt mich“. Es war nicht einfach ihr klarzumachen, dass wir sie lieben, aber sie gewissen Verhaltensweisen ablegen muss.

Aber sie hat sich in den letzten Monaten sehr gut entwickelt. Sie ging in den Kindergarten – natürlich bekamen wir Beschwerden –  aber sie hat sich echt verändert.

So waren wir alle sehr traurig als wir sie im Familienministerium wieder abgeben mussten. Es hatte sich eine Tante gefunden, in einer anderen Stadt, die selber keine Kinder haben konnte und sie adoptieren will. Unsere Kollegen Lianne hat sie zu ihrer Tante begeleitet um zu sehen wo sie unterkommt und sie dort eventuell besuchen zu können.

Ich freue mich, dass sie in einer Familie unterkommt, die sie haben will und beten dass es ihr gut geht.   

Orange und blau

Vergrößerung: Wäscheleine orange & blauLetztens haben wir für die Kinderheimkinder und unsere eigenen Kinder eine Kleiderspende bekommen, die im Wesentlichen aus orangenen T-Shirts und Bodys bestand. Als ich die Wäsche heute aufhängte, fiel mir auf, dass unsere Farbauswahl bei den Kleidern etwas einseitig geworden sein könnte…. Aber man muss wenigstens beim An- und Umziehen (wegen der Hitze mehrmals täglich) nicht viel Nachdenken. Orange und blau, passt immer.

Hitze

„O.K. Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf.“ Wie oft habe ich das in den letzten Tagen gesagt. Aber meinem unsichtbarer Gegner ist das egal und er lässt nicht nach. Hitze. Unerbittlich steigt die Temperatur draußen und in unserem Haus und lässt Nachts kaum nach. Da es Regenzeit ist und nicht regnet, kühlt es nicht ab. Und da in den meisten Wohngegenden keine alten, großen Bäume mehr stehen, weil man hier meistens alles abholzt wenn man Gebäude bauen will, kann die Hitze voll durchschlagen. 

Ich weiß im eigenen Haus nicht mehr wohin. Dazu kommt das ich ständig hinter einem Zweijährigen her laufe, dem es recht ist, wenn ich aufgebe. Sein Lieblingsspiel ist von Papi oder Mami etwas ergattern – irgendwas was sie brauchen.  Zum Beispiel wenn sie in der Dusche sind mit dem Handtuch abzuhauen. Oder wenn sie telefonieren wollen mit dem Telefon. Oder unter dem Vorwand beim Tischdecken zu helfen mit dem Käse abzuhauen. Gabriels Haut, die auf seinen Schweiß reagiert sieht furchtbar aus. Also haben wir unser Klimagerät in sein Zimmerchen gestellt. Oft sitzen wir dort bei ihm oder liegen auf dem Boden. 
                  .

Allen geht es hier so. Alle schwitzen und stöhnen und viele Kinder haben Hautausschläge.

Der Traum von ALDI

Heute Nacht träumte ich, dass in Managua eine ALDI-Filiale öffnet. Ich schluchzte und schluchzte und hörte nicht mehr auf.

Das gibt mir ja zu denken. ALDI scheint ja ein echtes Stück Heimat für mich zu bedeuten, dass ich hier vermisse. Oder zumindest die vielen deutschen Produkte, die ich vermisse.

In Deutschland habe ich oft unter dem Konsum gelitten. So viele Angebote, so viel Auswahl, so viel mehr als man braucht. Alles was das Herz begehrt und noch viel mehr.

Aber wenn man in einem Land lebt, wo es so schwierig ist so manches zu bekommen, dann schluchzt man bei dem Gedanken wie einfach es sein könnte.

Natürlich bekommt man auch hier alles Lebensnotwendige. Aber darüber hinaus gibt es ja noch die Dinge, die das Leben einfacher machen. Oder die von so guter Qualität sind, dass man sie nicht ständig reparieren oder austauschen muss. Die Zeit, die man in Deutschland wegen einem Überangebot an Angeboten verbringt, die verbringt man hier damit, das zu suchen, was man (wir oder das Kinderheim) wirklich braucht.

Vielleicht wurde mein Traum auch getriggert von der Deutschen, die mir erzählte, es würde hier in Managua in unserer Nähe ein deutsches Feinkostgeschäft eröffnen. Wir mutmaßten, ob es dann dort auch die günstige gute Schokolade geben würde, ohne die das Leben einfach nicht das ist, was es in Deutschland war….. 

Hochzeit

Vergrößerung: Das Hochzeitspaar beim Anschneiden der TorteHeute haben wir Hochzeit gefeiert. Adolfo, der nicaraguanische Hausvater der Jungen, hat vor ein paar Wochen standesamtlich gehereitet und da wir es um der Kinder Willen schade fanden, dass sie von einer Hochzeit überhaupt nichts mitbekamen und demnächt seine amerikanische Frau bei ihm einzieht, haben wir die beiden um eine Feier im Kinderheim gebeten, bzw. sie einfach dazu eingeladen! Beschlossen und innerhalb 5 Tage organisiert. Die Kleinkinder haben Dekorationen gebastelt, die Erzieherinnen haben dann heute Mittag beim Dokorieren geholfen, Palmenzweige abgeschnitten und einen Palmenbogen gebastelt, die Jungs sind an den Balken des Pavillons hochgeklettert und haben die Ballons gefestigt und alle kunterbunten Stühle aus dem Kinderheim zusammengetragen. 

Die Braut hat sich schnell in weiß angezogen (weißes T-shirt und einfacher weißer Rock) und das Paar zog zum Hochzeitsmarsch feierlich unter den Palmenbogen ein. Die Kinder haben Bibelverse vorgetragen, Andreas hatte seine Musikanlage mitgebracht und hat bekannte spanische Lobpreislieder gesungen und dann über die Liebe gepredigt und zum Abschluß wurde für das Paar gebetet. Es gab gegrillte Hamburger und Hotdogs und dann die Hochzeitstorte. Die hatte ich in einer kleinen Bäckerei in Los Cedros bestellt und dachte, dass das wohl am einfachsten ist. SVergrößerung: Kleinkinder vor der Hochzeitsfeierie war auf einem selbstgebauten Holzgerüst aufgesetzt, dass so wackelte und instabil war, dass ich staune, wie ich die Torte überhaupt in unserem Auto heil transportieren konnte. Ich hatte zwar eine Erzieherin dabei, die halten sollte, aber die Straßen in Los Cedros würde man in Deutschland eher als ausgetrocknete Flussbette bezeichnen.   

Es war eine soooo schöne Feier. Die Kinder und die Angestellten hatten sich alle so sehr herausgeputzt und es was so schön so unkompliziert zu feiern. Unser amerikanischer Gast meinte, der Unterschied zu der Hochzeit, die er gerade in den USA mitorganisert hatte, wäre so krass. Dort war alles so perfekt. Zuerst fand ich das etwas beleidigend. War es hier nicht auch schön? Aber ich glaube, es war eher ein Kompliment.

Ein anstrengender, aber befriedigender Tag.

Schnecken zum Frühstück?

Vergrößerung: Schnecken zum Frühstück?Es hat bisher zu wenig geregnet –  dafür dass es Regenzeit ist, ist es viel zu trocken und die Bauern fürchten Ernteausfälle. Heute Nacht hat es dann geregnet. Gabriel wachte morgens auf und bevor ich ihn anziehen konnte, rannte er mir in den Garten davon wo Andreas die Schnecken einsammelte, die aus der nassen Wiese krochen. Gabriel half sie in eine Plastiktüte zu stecken und nachdem Andreas den Beutel zugeknotet hatte, schnappte Gabriel sich den Beutel und lief damit weg. Wenn er eine solche Trophäe ergattert, lässt er die so schnell nicht los und versteckt sie manchmal. Wir wollten sie ihm abluchsen, aber da war nicht viel zu machen. Schließlich fragte Andreas ihn, ob er die Schnecken zum Frühstück essen wollte. „Nein, Papi, iiiiiiiiiiii!“ Aber als ich 5 Minuten später aus der Küche kam, war er in seinen Hochstuhl geklettert, hatte die Tüte auf seinen Teller gelegt und versuchte sie zu öffnen. „Nein Gabriel, iiiiiiiii!“

Kein Strom, Mami?

Als Gabriel heute ins Bett sollte, fragte er nach dem Ventilator. Ich sagte, der bliebe heute aus. Er fragte direkt: „Kein Strom Mami?“ Ich versuchte ihm zu erklären, dass wir zwar mal wieder Strom hätten, aber es kühl genug wäre und er keinen Ventilator bräuchte. Das fragt er mich ständig. Wenn wir kein Licht anhaben, ist seine Frage immer: Kein Strom, Mami?

Oft fällt der Strom hier aus.

Wenn man ein Kind hat, erlebt man die Unterschiede zum eigenen Land irgendwie anders. Ich frage mich dann, welches Zweijährige in Deutschland schon weiß, was ein Stromausfall ist.

Adan

Heute sollte ich mit dem kleinen Adan im größten Kinderkrankenhaus Managuas erscheinen, damit er von dem Arzt der ihn operieren soll, ein Dr. Garcia aus Mexiko, untersucht werden kann.

Adan hat eine heftige Kyphoskoliose und geht deshalb nach vorne über geneigt. Er ist acht Jahre alt, sieht aber aus wie ein Vierjähriger und wird auch leider oft so behandelt. Als er vor 2 Jahren zu uns kam, konnte er überhaupt nicht laufen, da er von seinen Betreuern immer herumgetragen wurde. Er läuft und spielt jetzt weitestgehend unauffällig mit den anderen Kindern.

Als ich im Krankenhaus ankam (immerhin 36 Kilometer vom Kinderheim entfernt) wusste keiner von dem Termin. Nach langem hin- und hertelefonieren mit meinem Mobiltelefon bis ich kein Guthaben mehr hatte, erfuhr ich, dass der Arzt auf einem Kongress an einer Universität spricht und vergessen hatte mir das mitzuteilen. Ich sollte zu dem Kongress mit Adan kommen.

Adan und GabrielEs gehört nicht gerade zu meinen Stärken, mich in Managua zurechtzufinden, mit seinen fehlenden Straßennamen und so gut wie gar keiner Beschilderung, auch größerer Einrichtungen wie Krankenhäuser und Unis nicht. Nachdem ich in der falschen Uni herumlief und jeder mich irgendwo hinverwies, fand ich die richtige Uni dann ein paar hundert Meter weiter und auch die Medizinische Fakultät, auch ohne Beschilderung und den Kongress, auch ohne Beschilderung. Dr. Garcia wurde herausgeholt und bat uns hereinzukommen und auf einem Sitz vorne Platz zu nehmen. Und dann saß ich da in der ersten Reihe mit Adan auf dem Schoss und wir mussten bzw. durften 2 ½ Stunden lang der Vorlesung folgen. Es war schon interessant für mich. Aber erstens wusste der Arzt nicht, dass ich auch Ärztin bin (ich wäre sonst in Ohnmacht gefallen) und dann waren die Vorträge auch nicht gerade für das Kind geeignet. Es wurden immer Bilder von Kindern mit schweren Skoliosen gezeigt, dann die Röntgenaufnahmen, dann die blutigen Operationen. Dabei drehte ich immer Adans Kopf weg und hielt ihm die Augen zu. Er wollte es auch nicht sehen.  Als aber dann Fotos von ihm selber gezeigt wurden und seine Röntgenaufnahmen, die der Arzt letztes Jahr gemacht hatte, fing er leise an zu weinen. Er konnte sich ja zusammenreimen welche Bilder bald folgen werden. Der Arme.

Dr. Garcia kam danach zu uns und sagte er würde ihn dann am Montag Morgen untersuchen, dann sollten wir noch mal ins Kinderkrankenhaus zu kommen.  Oh man, warum kann man mich nicht einfach anrufen und den Termin absagen, statt mich mt dem Kind quer durch die Stadt zu schicken und ewig warten zu lassen um ihn dann doch nicht zu untersuchen. Es hilft hier vieles mit Humor zu nehmen. Aber so witzig war es nicht. Allerdings war der Arzt wirklich sehr nett und ich konnte es ihm dann doch nicht übel nehmen. Wahrscheinlich macht er seine Arbeit hier auch ohne ein angemessenes Honorar.

Adan und ich haben dann bei uns zu Hause ein verspätetes Mittagessen gegessen, und Adan, der ein sehr lieber, freundlicher Junge ist, spielte noch mit Gabriel.

Kinderheime werden geschlossen?!

Jetzt scheint es tatsächlich traurige Realität zu werden. So gut wie alle Kinderheime in Nicaragua sollen geschlossen werden. Das war zwar schon lange der Plan des Präsidenten (bzw. seiner Frau) aber anscheinend ging es ihm bisher nicht schnell genug.

Unsere KinderEr hat am Freitag ohne die Absegnung der Nationalversammlung die Ministerin des Amtes für Familie, Jugend und Kinder abgesetzt, eine Neue, Parteigenossin, eingesetzt und fast alle leitenden Mitarbeiter des Amtes entlassen. Das ist bereits die vierte Minister/in in diesem Amt in den nur 2 1/2 Jahren seiner Amtszeit.

Es war bisher in der Vergangenheit wirklich ein Misstand, dass Kinder in Heime gebracht wurden und dann dort vergessen wurden. Das Familienministerium hat sich oft jahrelang nicht mehr um diese Kinder bemüht. Ihre Fälle wurden nicht mehr geprüft und so sind Kinder in Heimen groß geworden, die hätten irgendwann in ihre Familien zurückgehen können oder hätten adoptiert werden können. Aber jetzt mit aller Macht das Gegenteil zu machen ist für viele Kinder und ihre Betreuer grausam.

Wir beten, dass für alle Kinder, die uns bisher anvertraut waren, gute Lösungen gefunden werden.

Die Aktionen des Präsidenten sorgen für zunehmende Unruhe im Land.

Heute sprach ich mit einem Kindermädchen, die zu mir sagte, ich könnte ja zurück in mein Land, aber sie, sie müsse hier bleiben. Sie erzählte mir, wie ihr langjähriger Nachbar, der nun einem der kommunalen „Volksräte“ vorsitzt und dort billig Reis uns Bohnen an die Bevölkerung abgeben soll, ihr nichts mehr verkauft. Sie sei keine Sandinistin. Sie verkaufen nur noch an Parteigenossen oder Sympathisanten.

Die Angst vor Benachteiligungen, wenn man nicht der Partei beitritt, macht sich überall breit. Mit Berechtigung.

Ärzte

Heute wollte ich drei Kinder des Kinderheimes impfen lassen, die noch nicht so lange bei uns sind und die keinerlei Impfnachweis haben. Die Ärztin sagte mir, dass 2-, 3- und 5-jährige, die noch keine Impfungen bekommen haben, nicht ins Impfschema passen und deshalb nicht mehr geimpft werden. Ich wollte das genauer erklärt haben. Denn schließlich könnten diese Kinder Polio, Keuchhusten, Tetanus, Diphtherie und was sonst noch bekommen, (wenn sie es nicht schon hatten) und eine Grundimmunisierung ist auch bei ihnen noch anzustreben. Irgendwie war sie nicht überzeugt. Zu spät ist zu spät. Frust. 

Die gute Nachricht von heute ist, dass ich einen medizinischen Rundbrief des Nicaraguanischen Gesundheitsministeriums gefunden habe, der auf weltweite Studien verweist, in denen der zu freizügige Gebrauch von Antibiotika, fiebersenkenden Mitteln u.ä angemahnt wird und der Richtlinien für einen vernünftigeren Gebrauch dieser Mittel herausgibt. 

Wenn ich nämlich hier zu Ärzten gehe, bin ich oft verwundert über all die Mittel, die ich den Kindern so geben soll. Eine offizielle Empfehlung des hiesigen Gesundheitsministeriums hilft mir so weiter. Vielleicht sollte ich dem Arzt, mit dem ich in Los Cedros zusammenarbeite, den Rundbrief ausdrucken. Er hat keinen Internetzugang. Wie soll er den sich auch leisten, wenn er pro Konsultation 3 Dollar verdient und der Internetzugang 140 Dollar kostet.