Archiv der Kategorie: Nicaragua 2008

Unser Leben in Nicaragua, 2008

Unterricht und Telefonat mit Andrea

Marion im EinzelunterrichtWir haben jetzt schon seit 2 Tagen Sprachunterricht hier in Matagalpa, der sehr abwechslungsreich ist. Wir nehmen unterschiedliche Themen durch, gestern war es die nicaraguanische Begrüßung (wer küßt wann wen) und nicaraguanische Volkslieder. Heute war es der nicaraguanische Machismus und traditionelles Rollenverständnis, Gewalt in der Familie und Straßenkinder. Mein Spanisch muss besser werden. Was ich alles so falsch mache, merke ich jetzt. Na ja, man hat mich bisher meistens verstanden.

Als Hausaufgaben mußte ich heute schreiben, was ich alles anders machen würde, würde ich mein Leben noch einmal von Anfang anfangen. Interessante Frage. Außer schneller aus meinen Fehlern lernen, würde ich nicht zu viel anders machen wollen (ein paar Sachen gibt es da natürlich schon). Eine Sache würde ich jedenfalls wieder so machen: Andreas heiraten.

Nachmittags gibt es dann Kulturprogramm. Gestern waren wir mit einem Führer auf einem großen Friedhof. Das war spannend (und bunt).

Andrea habe ich heute angerufen um zu hören wie es ihr und Pedro geht. Lianne hat darauf bestanden, dass sie abschalten muss und eine Pause nehmen muss. So ist sie in unser Haus in Managua gefahren um dort zu lesen und die Nacht zu verbringen. Aber gerade als sie ankam, fiel der Strom aus. Ich habe ihr erklärt, wo sie Kerzen findet, aber ohne Ventilator wird das eine heiße Nacht.

Pedro geht es nicht so gut. Er fiebert immer wieder. Die Wunde kann nicht zugenäht werden, weil sie zu groß ist, sagt der Arzt. Nachdem Andrea sehr penetrant war, hat der Arzt ihr endlich ein bisschen mehr erklärt. Das Krankenhaus hat bis auf trockene Gaze kein anderes Verbandsmaterial auch nicht für die Verbrennungsstation. Die Schubladen sind leer. Er hat ihr ein paar Gazestücke in Vaselin getränkt und sterilisiert, so dass es beim Verbandswechsel nicht mehr so klebt. Auch wenn die Krankenhäuser es sich nicht leisten können, wird es vielleicht möglich sein, Material in einer guten Apotheke zu bekommen. Wir werden uns erkundigen müssen.

Für 60 Dollar konnte Andrea ein kleines Stück Silikon kaufen um die Maske für Pedro bequemer zu machen, aber es fällt immer ab.

Pedro ist ja nicht unser einziges Sorgenkind. Ein Baby muss bald am offenen Herzen operiert werden und ein 7-jähriger am Rücken. Ich will es mir garnicht vorstellen….

Frust und Spannung

Gestern haben Andrea, die Medizinstudentin und ich versucht Pedros Verband zu wechseln. Die Ärzte haben gesagt, wir könnten das jetzt selber machen und er bräuchte beim Verbandswechsel keine Anästhesie mehr. Er hätte keine Schmerzen.

Es war furchtbar. Die Stellen an der die transplantierte Haut sein soll, sieht aus wie rohes offenes Fleisch also quasi die ganze Handrückseite. Pedro schrie und ist mehrfach vor Schmerzen ohnmächtig geworden.

Die Medizinstudentin hat seit heute Morgen einen Magen-Darm-Infekt, was nicht ungewöhnlich ist für jemand der erst  seit 4 Tagen im Land ist. Sie schiebt es auf den Kontakt mit Pedro und meint Bakterien seiner Wunde hätten sie infiziert. Sie will ihn nie mehr anrühren. Was soll ich dazu sagen.

Die arme Andrea liebt den Kleinen so sehr und hat keine medizinischen Vorkenntnisse und ich bin ab morgen in der Sprachschule in Matagalpa. Sie wird keinen Verbandswechsel alleine machen können. So haben wir eine amerikanische Krankenschwester aus der amerikanischen Gemeinde angesprochen ob sie helfen könnte. Sie hat viel Erfahrung durch ihre Arbeit auf einer chirurgischen Station.

Obwohl Pedro erst 1½ Jahre alt ist, ist er so tapfer. Als wir den Verbandswechsel heute versuchten, hat er die Lippen fest zusammengedrückt und kein Mucks gesagt bis wir uns daran machten die Gaze von der Wunde lösen zu wollen. Es ging nicht ab und blutete und Pedro schrie und wurde kaltschweißig. Wir riefen im Krankenhaus an, ob wir mit ihm kommen könnten. Sie sagten nein, wir sollten die Hand in Wasser einweichen. Es blutete aber so stark, dass wir einen Druckverband anlegten und doch ins Krankenhaus fuhren.

Die Schwestern lachten uns aus, als wir sagten es würde bluten. Unsere Frage, ob denn Wasser so das richtige ist für eine offene Wunde (wir trinken es ja auch nicht), sagten sie wir hätten Chlor ins Wasser geben sollen.

Als sie aber dann selber die offene Wunde und die starke Blutung sahen, meinten sie, das Gefäß müsse koaguliert werden und die Wunde mit Stichen zugenäht werden. Aber heute sei ja kein Arzt da, weil es Sonntag ist, morgen eben. Und schreien würde er nicht vor Schmerzen sondern wegen der Hitze. Pedro schreit wegen fast keiner Unannehmlichkeit. Er ist hart im Nehmen. Sie legten einen Druckverband an. Trotz Bitten sie sollten einen Arzt holen lehnten sie ab. Sie wollen die Wunde 20 Stunden lang offen lassen und dann erst zunähen?

Ich bin so sprachlos, wie man merkt…. Wären wir in Afrika im Busch würde ich sagen, so ist das eben in der Wildnis. Aber in einem der besten Krankenhäuser Managuas? Es macht mich wütend.

Wir haben für Pedro gebetet, dass Gott ihn heilt und seine Haut so nachwachsen lässt, dass die Ärzte staunen und sich erkundigen bei wem er in Behandlung war, also für ein Wunder gebetet. Jesus kann sowieso besser heilen als der beste Arzt in einer modernen Klinik.

Am Nachmittag sind wir dann nach Matagalpa im Norden Nicaraguas gefahren und noch im hellen bei unserer Gastfamilie angekommen. Die Großfamilie ist für deutsche Verhältnisse sehr arm, aber für Nicaragua nicht so sehr. Wir haben das Zimmer des 22-jährigen Sohnes bekommen, klein und ziemlich vollgestopft, aber irgendwo auf ein paar Kisten haben wir unseren Koffer balanciert. Toilette und Dusche auf dem Flur sind jeweils nur mit einem kurzen Vorhang zugehängt wie das hier üblich ist. Das Duschwasser war so kalt, dass ich danach eine Weile mein Gehirn wieder auftauen lassen musste, bis ich wieder denken konnte.

Die Hausmutter ist sehr bemüht uns mit leckerem Nicaraguanischen Essen glücklich zu machen und uns Spanisch beizubringen. Wir freuen uns auf die Erfahrungen der kommenden Wochen! Das Bild zeigt die Strasse in der unsere neue Unterkunft liegt.

Pedro im Krankenhaus

Unser kleiner schwer verbrannter Pedro, muss nach seiner ersten Hauttransplantation alle 2 Tage zum Verbandswechsel ins Krankenhaus. Der wird unter Narkose gemacht. Andrea kümmert sich rührend um ihn Tag und Nacht. Da sie das auf Dauer nicht leisten kann, sind wir sehr dankbar dass eine Medizinstudentin gestern als Praktikantin aus den USA gekommen ist und uns 3 Monate unterstützen wird. Das Heim hat ja noch viele weitere Kinder, die besondere Förderung brauchen.

Am Montag haben sie Andrea im Krankenhaus erklärt, dass Pedro über Nacht stationär bleiben muss, da er eine Entzündung hatte. Sie blieb bei ihm, durfte sich aber weder hinlegen noch was zu essen oder trinken mit rein nehmen. Sie hat um Wasser gebeten, aber sie haben ihr einfach erklärt sie hätten keins. Es ist ja nicht immer ganz ohne Risiko hier das Leitungswasser zu trinken.

Auch Pedro durfte nicht trinken, da er sonst seinen Appetit verlieren könnte, sagten die Schwestern. Also hat er vor Durst geschrien (nach 18 Stunden ohne Trinken) und beim Fütterungsversuch um sich geschlagen. Er wollte eben trinken. Uns wäre es egal gewesen, wenn er nicht gegessen hätte. Er war ja krank und hatte eine Halsentzündung. 

Aber wer sind Andrea und ich, dass wir es besser wissen sollten?

Heute hat er eine durchsichtige, starre Kunststoffmaske bekommen, die nicht individuell für sein Gesicht gemacht wurde. Es wurde eine rausgesucht, die so etwas passt, die wir ihm so feste anschnallen sollen, dass die geschädigte Haut darunter weiß ist, also blutleer. Der Druck soll die Hautbildung fördern und weitere Narbenbildung verhindern und ohne Unterbrechung immer getragen werden. Sie sitzt aber an mindestens einer Stelle schlecht, so dass er schon nach 2 Stunden rote Druckflecken hatte.

Trotz dem Risiko, dass Andrea beim nächsten Termin im Krankenhaus in 3 Tagen fertig gemacht wird, weil sie ihm die Maske nicht angeschnallt hat und meint alles besser zu wissen, habe ich ihr geraten ihm die Maske nicht aufzusetzen. Sie muss besser angepasst werden.

Sie hat schon genug heftige Beschimpfungen hinter sich. Zum Beispiel, weil sie ihr Mobiltelfon zum Verbandswechsel mitgenommen hat, es sei „kontaminiert“. Aber Pedro auf demselben Laken die Windeln zu wechseln wo danach frisch Verbrannte verbunden wurden geht uns nicht in den Kopf!
Nach unserem Verständnis ist das dann „kontaminierter“ als ein Mobiltelefon.

Elternbesuche

Heute gab es zwei Elternbesuche im Kinderheim. Der Vater des kleinen Pedro hat eine Weile gebraucht bis er alle Dokumente zusammenhatte um vom Familienministerium die Erlaubnis zum Besuch zu erhalten. Dann hat es sich auf die umständliche Reise gemacht und hat mit diversen Bussen 5 Stunden gebraucht bis er bei uns war. Nach 1/2 Stunde mußter er wieder abreisen um die Busse nach Hause zu erwischen. Pedro hat sich sehr über ihn gefreut.

Während Pedros Vater sehr zart mit ihm umging, waren die Eltern von einem Geschwisterpärchen auch zum ersten mal da und haben die 1 1/2-Jährige ständig geärgert und so getan als wollten sie gehen um sie zum weinen zu bringen. Tschüß, wir gehen jetzt, sagten sie immer und wenn die Kleine weinte, haben sie gesagt es wäre nur Spaß, und blieben. Dann haben sie sie wiederholt gefragt, ob sie mit ihnen nach Hause gehen will oder lieber bei diesen „Gringos“ bleiben will. Gringos ist hier ein nicht so positiv besetzter Begriff für Amerikaner. Als hätte die Kleine eine Wahl. Die Mutter ist nur 19 Jahre alt und ich glaube, sie wissen nicht was sie so anrichten.

Als der Vater dann mit ihr spielte und sie sehr heftig in der Luft herumschmiss waren wir nicht mehr sicher ob er ihr nicht was antun wollte. So musste wir sie wegschicken und werden uns leider beim Familienministerium gegen ein weiteres Besuchsrecht der Eltern aussprechen müssen.  

Krankenhäuser

Heute waren wir mit einem amerikanischen Gynäkologen Dr. Stefans (Name geändert) in 2 Frauenkrankenhäusern in der Nähe unseres Hauses. Ich habe für ihn übersetzt. Er ist Dozent und Gynäkologe in einem akademischen Krankenhaus für Gynäkologie und Geburtshilfe in North Carolina und wollte sehen, ob er irgendwie in der Zukunft helfen kann.

Es war wie ich es erwartet habe, aber trotzdem traurig zu sehen. Im ersten Krankenhaus warteten viele Frauen (vielleicht 100), fast alle mit kleinen Kindern auf dem Schoß oder an der Brust, geduldig auf Behandlung. Man hat uns die Behandlungszimmer gezeigt, die fast alle zwar sehr arm, aber sauber waren, aber leider auch nicht besetzt waren. Ob es an Mangel an Personal lag? Ich weiß es nicht.

Die Chefärztin erklärte uns, dass die Ärzte sich Fortbildung wünschten (in Ultraschall, Operationstechniken, Laparoskopie), sich das aber meistens nicht leisten können, da sie dazu oft ins Ausland müssten. Man muss wissen, dass ein Arzt im Krankenhaus nur ca. 200 Dollar verdient. Die Ärzte arbeiten deshalb in der Klinik nur bis 13 Uhr täglich und haben dann noch ihre private Praxis Nachmittags. Oft streiken die Ärzte hier auch monatelang.

Es fehlte in den Krankenhäusern an allem. Das, was sie dann hatten, war oft aus dem Ausland gespendet. In der einen Klinken waren 10 Frauen, die heute einen Kaiserschnitt bekommen sollten. Es waren zwar genug Ärzte und genug OP-Räume vorhanden, aber nur 3 sterilisierte Instrumentensets zur Verfügung, da der 34 Jahre alte Sterilisator mal wieder kaputt war.

Dr. Stefans bot an, mit einem Kollegenteam irgendwann einmal 1- 2 Wochen zu kommen und in dem Bereich zu helfen, in dem sie es am nötigsten brauchten oder es wünschen. Die Chefärztinnen waren jeweils sehr offen und dankbar für das Angebot. Er wird sich jetzt um Spenden bemühen, so dass sie gebrauchte Ultraschallgeräte, Koloskope und Laparatomieausrüstung kaufen können und mit einem Team wiederkommen, die die nicaraguanischen Ärzte in dem Gebrauch dieser Instrumente unterrichten.

Außerdem können sie nachmittags operieren, da die OP Säale dann nicht gebraucht werden (da die Ärzte nur bis 13 Uhr in der Klink sind).

Zwischen den Klinikbesuchen haben wir Mark, ein Missionar des Kinderheimes, in eine arme Wohngegend der Stadt begleitet, wo er mit einem Team von Helfern ca. 100 Kinder gespeist hat. Sie bekamen alle mit Gemüse und Huhn gemischten Reis.

Andreas und ich hatten Spaß mit den Kindern. Sie haben sich oft zu uns gesetzt und haben uns ausgefragt.

Unser Vermieter

Heute war unser Vermieter da um die letzten Gitter an Fenster und Türen anzubringen. Das hatten wir als Teil des Mietvertrages vereinbart, da es hier kaum ein Haus ohne Gitterschutz gibt. Die Türen und Fenster lassen sich sehr einfach eindrücken und stellen keinen echten Schutz dar. Selbst die Armen, die es sich leisten können, vergittern ihre Häuschen. Wie ich von einer Einheimischen hörte, klauen sie sich manchmal gegenseitig den Reis aus der Hütte.

Unser Vermieter, David ist sehr nett. Als er heute kam hat er uns beglückwünscht. Unser Papayabäumchen hätte eine Frucht getragen. Das Bäumchen, das ich letzte Woche gepflanzt habe ist aber erst 10 cm groß. Die Gärtnerin hatte mit zwar gesagt, dass die Pflanze in ca. 8 Monaten erste Früchte trägt, aber nach 10 Tagen schon?

David hatte eine große Frucht besorgt und daneben gelegt. So groß und noch größer sollen unsere Früchte auch werden.

Jetzt fehlen uns noch Bananenbäumchen. Die bekomme ich hier in der Gegend irgendwie nicht. Platanen, die großen nicht süßen Kochbananen, sind als Bäumchen erhältlich, aber keine Bananen. Vielleicht weil sie so zahlreich überall wachsen, dass man sich eher von jemanden einen Ableger holt? Vielleicht ist es so wie wenn ich in Deutschland versuche eine gemeine Birke zu kaufen. Ich weiß es aber (noch) nicht.

Was glaubt man wem?

Während man in Deutschland davon ausgehen kann, dass, wenn jemand am Freitag um 15 Uhr kommen will, er auch dann etwa an dem Tag und um diese Uhrzeit kommt, haben wir hier gelernt am Tag vorher, also Donnerstag anzurufen und zu fragen, ob es dabei bleibt. Dann kann man auch davon ausgehen, dass der andere irgendwann mal am Freitag kommt. Wenn man nicht anruft, kommt er oft nicht.

Während wir in Deutschland davon ausgingen, dass wenn jemand sagt, dass er etwas kann, er es auch wirklich in etwa kann, heißt das hier noch lange nichts.

Der Elektriker kam heute mit seinem Gehilfen um uns Strom ins Badezimmer zu legen. Er hat ausgemessen wie viel Kabel wir brauchen um dann mit Andreas in den Fachhandel zu fahren und das Material zu kaufen, da er kein Auto hat. Die Wände, die Andreas nachgemessen hat, waren vom Elektriker falsch ausgemessen und die hat er korrigiert. Leider hat Andreas eine Wand nicht kontrolliert. Nun ist das Kabel 2 m zu kurz!

Den Wanddurchbruch wollte der Elektriker dann mit Hammer und Meißel machen. Andreas fragte ihn, ob er mit unserem Schlagbohrer umgehen könnte und er sagte, klar, kann er das. Nach kurzer Zeit war die Bohrmaschine kaputt und das Loch so schief, dass es auf der anderen Seite nicht raus kam. Sie haben dann kurzerhand den Steinbohrer in unseren Akku-Schrauber eingespannt und so versucht das nächste Loch zu bohren. Wie gut, dass wir es rechtzeitig merkten.

Jetzt müssen wir eine neue Bohrmaschine besorgen. Das Bad können wir auch neu streichen, … siehe Bild. Wir hätten bei den Arbeiten daneben stehen müssen.

Als ich vor 4 Wochen einen kleinen Staubsauger kaufte, versicherte man mir in dem Geschäft, dass sie bald Ersatzbeutel rein bekämen und man die in einem bestimmten Laden auch jetzt schon kaufen könnte. Die Beutel sind bis jetzt nicht reingekommen (werden es auch nicht) und der Laden, der angeblich welche führen soll, führt keine. Wir sind von einem Laden zum anderen gefahren und haben festgestellt, dass Staubsaugerbeutel anscheinend nirgendwo zu kriegen sind. Man hat eben eine Hausangestellte, die fegt und moppt und die Teppiche ausklopft. So werde ich jetzt einen neuen Staubsauger kaufen in einem amerikanischen Geschäft und gleichzeitig 10 Packungen Ersatzbeutel dazu, für alle Fälle!!

Es ist irgendwie traurig lernen zu müssen, dass man hier alles kontrollieren muss, am besten daneben stehen muss. Auch im Kinderheim müssen ständig Reparaturarbeiten gemacht werden und so einfach „jemand kommen lassen“ ist nicht möglich. Einer von uns Missionaren muss dabeibleiben. Wir müssen mit der Zeit lernen wem und was man glauben kann in diesem Land und wem und was nicht.

Natürlich habe ich Verständnis für die Leute, die einfach nicht die Möglichkeit hatten gute Ausbildungen zu machen oder Erfahrungen mit Elektrogeräten zu sammeln. Woher sollen sie es dann können?

Aber die Selbstüberschätzung und die Preisgestaltung (wir müssen als Ausländer oft mehr bezahlen, obwohl die Leistung nicht besser ist und wir unsere eigenen Werkzeuge zur Verfügung stellen) ist gewöhnungsbedürftig.

Auf dem Gemüsemarkt

Heute waren Andrea und ich mit unserer Hauptköchin des Kinderheimes Los Cedros auf dem Gemüsemarkt. Wir haben alle unnötigen Wertsachen abgelegt und uns ins Gewühl gestürzt. Normalerweise nehmen wir einen unserer Tennagejungen mit, aber wir dachten, dass 3 Frauen dass schon alleine schaffen. Letztendlich haben wir dann einen Teenager vom Markt engagiert, der für ein paar Cordobas auf dem Pick-Up sass und alles bewachte was wir dort ablegten. Wir hätten es unmöglich alles herumtragen können. 5 Wassermelonen, 10 Ananas, 100 Bananen usw….

Zwar ist alles recht billig hier im Vergleich zu deutschen Preisen, aber billig ist immer relativ zu dem was man zur Verfügung hat. Für 30 Personen stehen uns 50 US Dollar für Obst und Gemüse für eine Woche zur Verfügung. Das ist eine Herausforderung.

Aber ich liebe solche Märkte!

Der kleine Pedro

Gestern wurde uns Pedro, ein kleiner 1½-jährige vom Familienministerium gebracht. Sie haben ihn mit seinen Sachen abgegeben, die bestanden aus einer Babyflasche, die er noch benutzt, Windeln, die aber für ein Neugeborenes waren und ihm nicht passten, einer Tüte voller Lutscher und einer Tüte Zucker. Zucker, meint man hier, brauchen alle Kinder. Die Babys bekommen als Durststiller eine extrem süße Lösung und viele der Kinder, die den ganzen Tag an ihren Flaschen nuckeln, haben angefaulte Zähne. Die Schulkinder nehmen in die Schule Kristallzucker in kleinen Plastikfläschen  mit, den sie sich immer nach Bedarf in Mund schütten. Unsere Heimkinder bekommen stattdessen immer ein Pausenbrot oder Obst mit.

Pedro ist vor 3 Monaten schwerstverbrannt. Ich schätze, dass  ¼ seiner Hautfläche Vebrennungen 2. oder 3. Grades aufweist. Er ist ohne Aufsichtsperson unter einem Mosquitonetz und mit einer Kerze alleine gelassen worden. Die Nachbarn haben seine Schreie gehört.

Jedenfalls wurde uns noch gesagt, dass er einen Termin im Krankenhaus heute hat. Andrea, unsere britische Missionarin und ich sind also um 6:30 Uhr losgefahren und haben uns dann im Krankenhaus gewundert, warum wir so lange warten müssen. Wir haben ihn in der Zeit mit Pfannekuchen gefüttert und uns über seinen Appetit gefreut.

Als wir dann mal nachhakten, wurden uns gesagt, dass er operiert werden sollte. Andrea durfte mit ihm in den OP, hat ihn ausgezogen und sich aller Taschen und Wertsachen entledigt und mir alles in die Hand gedrückt. In einem leeren Raum wurde ihr gesagt, dass sie dort mit ihm 3 Stunden warten muss bis zur OP (wegen den Pfannekuchen) dann 2 Stunden OP und dann noch 2 Stunden im Aufwachraum mit ihm verbringen muss. Ohne ihr Mobiltelefon konnte sie mir das auch nicht mehr mitteilen. Ich habe über Umwege erfahren, dass ich die beiden erst wieder in ca. 7 Stunden sehe.

Die plastische Chirurgie diente zur Hauttransplantation und soll nach weiteren OPs seine linke Hand wieder funktionstüchtig machen. Die ist seit dem Unfall in 90 Grad Überstreckung. Das Verbrennungszentrum machte auf mich einen sehr guten Eindruck und finanziert sich aus einer Stiftung einer der reichsten Frauen Nicaraguas.

Riskant fand ich nur, dass wir ihn nach der OP nach Hause, also ins Kinderheim nehmen mussten, das ca. 30 Kilometer entfernt liegt und damit meine ich nicht 30 Kilometer deutscher Landstraße, sondern mittelamerikanischer… Außerdem gehen die anderen Kleinkinder mit einem Frischoperierten auch nicht so zart um. Er bräuchte jetzt eigentlich seine eigene Pflegeperson. Aber die OP kam etwas überraschend für uns, kann man sagen.

Das arme Kind. Zusätzlich fragt er immer nach seiner Mama. Was für ein Schicksal. Übermorgen ist die nächste Operation.

Der tägliche Kampf auf den Straßen Managuas

Wenn wir uns mit unserem Auto auf die Straßen Managuas heraustrauen (manchmal führt kein Weg drum herum) warten viele Herausforderungen auf uns. Schlimm sind die tiefen SchlaglöcherÜberflutete Straßen, manchmal auch fehlende Gullideckel, die fehlende Fahrspurmarkierung, Überschwemmungen, die vielen Busse und Taxis die ihre Spur nicht einhalten, die Pferdewagen, Straßenverkäufer und die staatlichen „Freunde und Helfer“. Die halten besonders uns mit heller Haut gerne an und drohen uns den Führerschein wegzunehmen, wenn wir nicht „eine andere Lösung“ ($) finden…. Meistens können wir die Vergehen, die wir gemacht haben sollen, nicht nachvollziehen oder auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse nicht verstehen. Meistens läuft es darauf hinaus, wir hätten eine durchgezogene Linie überfahren. Das ist in diesem chaotischen Verkehr leider manchmal der Fall und es gibt nicht immer Alternativen dazu, gerade wenn man Hindernissen ausweichen muss. Auch die Erklärung, dass an der Stelle gar keine Linie ist, hilft nicht. Ja, da ist zwar keine, aber da sollte eine sein, und wenn sie da wäre, hätten wir sie überfahren… o.k. irgendwie leuchtet das ein, irgendwie… 

Für manche der Probleme haben wir also noch keine Antwort, aber für manche schon!

Der Fahrspurwechsel hat uns Kopfschmerzen bereitet. Wir haben immer schön geblinkt und sind in eine Lücke rübergezogen. Und immer wurde uns gehupt! Wie oft haben wir uns gefragt, was daran so falsch sein soll. Jetzt wissen wir es! Man braucht weder nach einer Lücke Ausschau zu halten noch zu blinken, das ist viel zu unpersönlich. Man hängt seinen Arm lässig zum Fenster raus und hebt die Hand mit leichtem hin- und herbewegen, wenn man rüber will. Dann wird man reingelassen. Dann ein lässiges Heben der Hand zeigt das „Dankeschön“ an. Jetzt wissen wir wie man ohne angehupt zu werden auf die linke Spur wechseln kann. Rechts rüber ist uns noch ein Rätsel.

Ja und das Überholen. Das macht man immer nur unter Hupen. Da der andere ja nicht schaut und nicht blinkt und jeder Zeit auch ohne Handzeichen rüberziehen könnte, hupt man eben, damit er schön auf seiner Spur bleibt. Bei jedem Überholen. Immer! Die Erkenntnis war ja schon gut, aber die Umsetzung hat mich gekostet. Nur weil ich jemanden überhole, soll ich ihm Hupen? Es funktioniert aber.