Gabriel ist entlassen worden

Gabriel, unser Pflegekind aus dem Kinderheim, ist heute schon entlassen worden. Er ist zwar manchmal noch ein wenig schlecht gelaunt, aber er spielt wieder, isst, singt und lacht auch gelegentlich. Unglaublich. Er sieht fast aus als sei nie etwas gewesen. Gott sei gedankt.

Vergrößerung: Gabriel 5 Tage nach OP

Gabriel wird operiert!

Auf diesen Tag hin haben wir lange gefiebert. Gabriels Operation. Immer mehr Komplikationen und Missbildungen wurden kurz vor der OP hier in dem Krankenhaus in North Carolina an seinem Herz gefunden. Aber wir danken Gott, dass Dr. Koutlas bereit war ihn trotzdem zu operieren. Er klärte uns heute Morgen noch einmal über das hohe Risiko der Operation auf, aber auch darüber, dass Gabriel ohne Operation nicht mehr lange zu leben hat.  

Fünf Stunden war Gabriel im OP-Saal und als er rauskam war er rosiger als wir ihn je gesehen haben, mit einer Sauerstoffsättigung von 100%. Es ist alles glatt gelaufen. So wie man sich das wünscht, sagte Dr. Koutlas. Das haben wir in den letzten Tagen oft gehört. Gabriel hat alles so gut mit sich machen lassen und schien so vergnügt.

Gabriel nach der OperationDie letzte Nacht habe ich bei ihm im Krankenhaus verbracht und da er nicht schlafen konnte, hat er seinen ganzen aktiven Wortschatz ausprobiert. Er hat ab Mitternacht 3 Studen lang vor sich hingeredet. Wenn ich dann mal durch die Gittestäbe in sein Bett schaute, lachte er mich kurz an und sagte „hallo!“, dann quasselte er weiter. Wir führen diesen ungewöhnlichen Frieden auf die vielen Gebete zurück, die für ihn gebetet wurden.

Ich bin so unendlich dankbar, dass wir ihn in einem so guten, modernen, amerikanischen Krankenhaus operieren lassen konnten. Was für ein Unterschied zu dem, was wir in den letzten Monaten erlebt haben.

Zimtkekse

Gestern sortierte ich einige Hilfsgüter durch, die uns ein ausländisches Team mitgebracht hat. Unter anderem war ein Koffer voller Medikamente dabei, und dazwischen viele Tütchen mit ballaststoffreichen Zimtplätzchen. Ich liebe Zimt und habe 3 Packetchen gegessen. Genau das richtige für Zwischendurch, auch wenn meine Nahrung schon ballaststoffreich ist.

Dann begann ich mich allerdings zu wundern, warum so viele Kekse zwischen den Medikamenten waren und las die Verpackung. Ballaststoffreiche Kekse mit Abführmittel. Zu dumm. Bisher hatte ich keine Probleme mit der Verdauung. Heute schon.

Was mir zeigt, das wir diese Tütchen nicht in einem armen Dorf verteilen können. Vielen Menschen können nicht lesen und wenn sie lesen können, können sie meist kein Englisch und wenn sie Englisch können sollten und lesen könnten (wie ich) könnten sie es trotzdem eventuell einfach nicht tun.

  

Die Skorpione rücken näher

Skorpione haben wir zwar regelmäßig im Haus, aber in letzter Zeit rücken sie uns ein wenig zu nahe, finde ich.

Letzte Woche habe ich die schmutzige Wäsche aus dem Wäschekorb sortiert und als ich unten im Korb ankam, saߠunten drin ein recht großer Skorpion. Die nächsten Tage habe ich meine Wäsche nur noch Stück für Stück rausgehoben und erst einmal ausgeschüttelt und Gabriel nicht mit sortieren lassen und so… Aber das war mir angesichts der Menge an Wäsche zu lästig und jetzt wird wieder schnell durchsortiert. 

Vergrößerung: Adolfos AutoDa es heute heiß wurde, zog ich mir Nachmittags einen luftigen Rock an, der länger im Schrank gehangen hatte. Es klingelte kurz danach an der Tür. Adolfo (der Hausvater der Teenager) wollte mir zeigen, wie sein Auto aussieht, wenn er auf dem Markt für das Kinderheim eingekauft hat. Und während ich seine kleine Nuckelpinne so photographierte deutete Germey, ein Junge aus dem Kinderheim, der ihm beim Einkauf geholfen hatte, auf mein Bein, aber sagte nichts. Ich wusste nicht so was er wollte, aber irgendwann meinte er dann „Ein Skorpion sitzt da auf deinem Bein“. Ich erstarrte und sagte immer nur „Adolfo, töte ihn!!“

Adolfo schlug ihm mir vom Bein und tötete ihn. Ich habe echt Glück gehabt, dass er mich nicht gestochen hat. Als die beiden weg waren, zog ich den Rock aus und schüttelte und schüttelte und schüttelte ihn. Als ich endlich damit aufhörte, packte Gabriel den Rock und schüttelte ihn und schüttelte ihn. Dann trug er ihn zum Kleiderschrank…. dem Kleiderschrank dem ich nicht mehr traue. Aber da Gabriels Bett direkt davor steht, will ich da jetzt kein Gift sprühen.

Unser Vermieter meinte, es wäre doch ganz nützlich Skorpione im Haus zu haben. Die würden die Mosquitos fressen. Geckos und Spinnen wären mir aber lieber. Aber, meinte der Vermieter, Spinnen würden doch so hässliche Netze spannen, die Skorpione nicht. Na dann.

Passfoto

Als ich Gabriel heute Fotos zeigte, wollte er unbedingt ein Passbild vom Andreas haben und schrie immer „Mio!“ („Meins!“). So gab ich es ihm und er lief herum zeigte es jedem und sagte: „Ade!“ Jetzt wissen wir endlich wie er Andreas nennt. Es schien uns irgendwie komisch, dass wenn er nach mir rief, er immer „Mayon Ade“ rief, aber jetzt wissen wir ja was es heißen soll.

Als er jedenfalls genug mit dem Bild herumgelaufen war, steckte er es Luz, einem Kindermädchen in den Ausschnitt. Die zog es völlig entsetzt raus und meinte, wenn ihr Lebensgefährte das dort findet, bringt er sie um. Peinlich.

Betrogen oder nur verschlampt?

Bitter war es festzustellen, dass der Rechtsanwalt, der unser Werk hier vertritt, zwar sein Honorar eingenommen hat, aber ein Großteil der notwendigen Dokumente nicht an die entsprechenden Behörden weitergeleitet hat. So stehen wir in manchen Bereichen, in denen Andreas sehr viel Arbeit investiert hat, wieder vor dem Null. Irgendwie müssen wir das jetzt den Behörden klarmachen.

Ständig haben wir den Anwalt im letzten Jahr gebeten, uns alles Notwendige zu erklären, damit wir alles pünktlich und ordentlich einreichen können. Seine Aussagen: „Ja, ja geht schon alles klar“, oder „Das ist so kompliziert, das könnt ihr gar nicht selber machen, das mache ich“ wurden uns immer verdächtiger. Das volle Ausmaß ist uns dann am letzten Tag des Jahres 2008 klargeworden, als wir uns mit einem unabhängigen Berater getroffen haben. Der Experte teilte uns mit, dass wir viele Dinge hätten machen müssen, über die uns unser Anwalt nicht korrekt informiert hat. Jetzt heißt es: Nacharbeiten und das Beste hoffen.  

Es ist einfach nicht zu fassen manchmal. Irgendeinem muss man doch hier trauen können.

Weihnachtszeit

Die Weihnachts- und Neujahrszeit hier war für mich hier viel schöner als ich erwartet hatte. Warme Temperaturen aber ein angenehmer Wind vom Pazifik, nette Deko, deutsche Weihnachtsmusik, die wir uns mitgebracht hatten halfen es zu genießen. Wir haben uns eine süße Weihnachtskrippe hier gekauft, deren Figuren urige Mäntel anhaben, aber alle barfuss sind. Die Kinder des Kinderheimes verbrachten Weihnachten mit den Missionarsfamilien und wir besuchten uns gegenseitig.

Unschön waren die Tage, an denen wir mit Gabriel wieder in die Notfallaufnahme mussten.  

Wenn es Gabriel gesundheitlich gerade gut geht, ist er fast wie ein normaler kleiner 1 1/2-Jährige und hält uns ziemlich auf Trab aber wir müssen auch ständig mit ihm lachen. Wenn es ihm schlecht geht, hält er uns noch mehr auf Trab. Ich zähle schon gar nicht mehr die Medikamente, die ich dem armen Kind einflößen soll. Er macht es meistens mit. Die Ohren- und Nasentropfen erfordern ein bisschen mehr schauspielerisches Geschick von uns. Aber er findet es so witzig, wenn wir uns schütteln vor lauter angeblichen Tropfen in der Nase, dass er es dann auch unbedingt haben will.

Seit einer Woche wird uns tagsüber wieder das Wasser ausgestellt, das heißt der ganzen Wohngegend. Meistens ca. 15 Stunden lang. Das ist ohne Kind schon doof genug, aber mit Kleinkind im Haus ist das nicht mehr witzig. Wenn ich nicht sehr früh Morgen die Waschmaschine anstelle, läuft sie nicht mehr zu Ende und ich muss bis zum nächsten Morgen warten. Da wir so sparsam mit dem Putzwasser aus den Eimern umgehen müssen und Gabriel viel rumkleckert, finden die Ameisen meinen Boden wohl interessanter als sonst und heute Morgen hatten wir eine Ameisenstrasse quer durchs Wohnzimmer. 

Gestern habe ich beim Wasserwerk angerufen und meine Empörung ausgedrückt. Und ich bekam dieselbe Antwort wie die letzten Male wo das Wasser über viele Tag abgestellt war: Morgen wird es endgültig angestellt. Und siehe da, so wie immer. Wir haben tatsächlich heute Wasser!

Jetzt frage ich mich ernsthaft, ob ich immer zufällig am Tag bevor das Wasser sowieso wieder angestellt werden soll anrufe oder ob meine Beschwerde in leicht fehlerhaftem Spanisch was bringt. Schwer zu glauben. Es ist wohl eher Zufall. Soweit ich weiß, beschweren sich viele andere auch.

Pflegekind

Vor einer Woche hatte der kleine herzkranke Gabriel eine so schwere zyanotische Krise, dass eine Kinderfrau mit dem schlappen, blau angelaufeVergrößerung: Sauerstoff für Gabrielnen Kind angerannt kam und wir sofort in die Notfallaufnahme fuhren. Als wir nach einer Stunde Fahrt endlich im Krankenhaus ankamen ging es ihm wieder verhältnismäßig gut. Er bekam für seine Bronchitis unzählige Medikamente. Da wir einfach nicht verantworten konnten ihn wieder ins Kinderheim zu bringen, lebt er jetzt bei uns. Seitdem versuchen wir ihm mit allen erdenkbaren Tricks die bitteren Medikamente einzuflösen und die Inhalationen machen zu lassen. Mehrmals täglich fällt seine Sauerstoffsättigung ab, so dass wir eine Sauerstoffflasche gekauft haben. Auch die Sauerstoffgaben findet er nicht sonderlich toll. Es ist schrecklich ein fast sterbendes Kind in den Armen zu halten. „Eijeijei“….. das sagen wir oft und Gabriel sagt es jetzt auch. „Eijeijei“.

Überhaupt fasst er auch die deutsche Sprache super schnell auf. Er plappert alles nach. Manchmal meinen wir einen kleinen Papagei im Haus zu haben. Es ist seltsam ein Kind, mit dem ich immer Spanisch gesprochen habe, jetzt „mehr!“ rufen zu hören, wenn ihm was schmeckt. Es gibt auch nichts, was ihm nicht schmeckt. Wenigstens was Essen betrifft ist er pflegeleicht. 

Wir und viele andere beten, dass Gabriel bis zur geplanten OP im Ausland durchhält. An seinen Papieren arbeitet das Familienminsterium jetzt wenigstens. Allerdings mussten wir dazu kreuz und quer durch Managua fahren und Krankenhäuser Schreiben aufsetzten lassen, dass sie die nötige OP nicht machen können. Ich hoffe, wir halten auch gut durch. 

   

Das Programm der Liebe?

Heute haben sie Pedro abgeholt.

Pedro hat vor einem Jahr großflächige Verbrennungen dritten Grades erlitten und wie durch ein Wunder überlebt. Da seine Mutter sich aber nicht um seine medizinische Betreuung gekümmert hat und ihn vernachlässigt hat, wurde er vor ca. 9 Montaten vom Familienministerium ins Kinderheim gebracht. Wir haben seine transplantierte und vernarbte Haut täglich 2 Stunden lang behandelt. Außerdem Druckbandagen und eine Druckmaske im Gesicht angelegt. Und im Krankenhaus um seine Behandlung kämpfen müssen. Im wesentlichen hat Andrea sich eingesetzt.

Gestern ist Andrea abgereist um Weihnachten bei ihrer Familie in den USA zu vebringen. Sie hat uns und den Kinderfrauen noch ein „Lehrgang“ gegeben, wie wir Pedro richtig behandeln. 

Und heute Nachmittag bekamen wir einen Anruf, dass das Familienministerium ihn seiner Familie zurückgibt. Zwei Stunden später standen dann 6 Leute im Kinderheim, ließen sich kurz seine Massagen und Bandagen erklären und nahmen dann das schreiende Kind mit. Den Vater hätten sie mitbringen wollen, aber den hätten sie nicht gefunden.

Wir alle, auch die älteren Kinder standen unter Schock. Er war ein Teil von uns. Wir haben ihn gesund gepflegt. Ohne weitere, richtige Behandlung wird alles wieder so schlimm wie es einmal war. Wir bettelten wenigstens eine Übergabe an die Eltern machen zu dürfen. Oder eine Übergangszeit haben zu können. Ja, ja..

Seine „Rückführung“ ist Teil des „Programa de Amor“ (Programm der Liebe) das sich die Regierung ausgedacht hat. Sie behaupten, dass 80% der Kinder ja nur wegen der Armut ihrer Eltern in Kinderheimen seien und alle nach Hause geschickt werden können. Und die anderen 20% sollen in nicaraguanische Pflegefamilien. Nach unseren Beobachtungen sind aber 80% der Kinder zu Hause misshandelt worden, manchmal schwer. Für manche wird das Programma de Amor zum „Programa de Terror“. Wir machen uns echt Sorgen um unsere Kinder.

Der Kultuschock kommt in Scheibchen

Ich war gespannt, wie es uns dabei geht, wenn wir nach einem längeren Aufenthalt in Deutschland wieder in „unser“ Entwicklungsland reisen. Aber ich kann nicht sagen, dass es irgendwie komisch war. Wir waren eben wieder in unserem zweiten zu Hause.

Joel, unser nicaraguanische ehrenamtliche Mitarbeiter des Kinderheimes holte uns am Flughafen ab. Die Trockenzeit hat begonnen, die schöne grüne Landschaft vertrocknet langsam und überall wird der Müll wieder am Straßenrand verbrannt. Joel erzählte uns, dass er einen grasfreien „Grenzstreifen“ um die Grundstücksgrenzen gezogen hat, damit sich eventuelle Feuer nicht auf unser Land ausbreiten.

Etwas enttäuscht waren wir, dass wir im Gespräch mit Joel und Lianne dann feststellen mussten, dass Nicaraguaner, die sich Christen nennen und denen wir vertraut hatten, ein anderes Verständnis von Ehrlichkeit haben. Sie sind in ihren eigenen Augen oft ehrlich, aber nicht nach unserem deutschen oder amerikanischen Verständnis von Ehrlichkeit. Man verkauft in unserem Auftrag etwas für uns und gibt uns dann nur einen Teil des Kaufpreises weiter und behauptet, das wäre der volle Betrag gewesen. Was nicht dazu gesagt wird ist, dass das der volle Betrag nach Abzug eines eigenen Provisionsanteiles nach eigenem Ermessen ist. Oder ein Mann betrügt seine Frau und würde das nie als Betrug auffassen. Das ist Notwendigkeit.

Das Drama um unser herzkrankes Kind, das dringend operiert werden muss, geht in den zweiten Akt. Wir haben endlich einen Brief eines hiesigen Kardiologen bekommen, dass er im Ausland operiert werden muss. Seine Ärztin sagte uns zwar schon vor Wochen, dass es dringend ist, wollte uns aber keine Unterlagen geben, so dass wir uns garnicht um eine OP bemühen konnten. Jetzt haben wir endlich einen Brief, jetzt sagt uns das Familienministerium wir müßten beweisen, dass man die OP nicht in Nicaragua machen kann und dazu hätten wir einen Termin am 16. Januar in einem Krankenhaus, die das feststellen sollten. Wer weiß wie lange das Schreiben dann dauert.

Erst mit dem Schreiben des Krankenhauses würde man beginnen an seiner Geburtsurkunde zu arbeiten. Aber nur mit Geburtsurkunde kann man an einem Reisepass arbeiten und nur mit Reisepass kann man ein Visum beantragen und nur mit Visum kann er in USA operiert werden. 

Die Regierung erschwert ausländische Hilfe zunehmend.

Manchmal fällt es schwer, nicht einfach aufzugeben und zu sagen, dann versorgt eure Kinder doch alleine, wenn ihr das wollt und könnt. Sie wollen es, aber können es nicht, aber geben es nicht zu, dass sie es nicht können. So viel Stolz ist unerträglich, die Kinder des Landes, die Armen und die Schwachen, alle leiden sie unter so viel Stolz