Letzte Woche sprach uns die Hausmutter der Jungen, Jackie, an, dass es eine Frau gibt, die regelmäßig zu den Jungen kommt und mit ihnen was unternimmt, was pädagogisch nicht so geschickt sein könnte und wir außerdem schon ein Alternativprogramm für die Jugendlichen haben. So haben wir Jackie gesagt, sie könnte ja mit der Frau sprechen, ihr danken für ihren Einsatz in den letzten Monaten und dass wir jetzt noch weitere Programme für die Jungen hätten und dass das alles ein wenig viel wird… oder so…
Jackie meinte, dass das absolut nicht die Nicaraguanische Art und Weise wäre „das Problem“ zu lösen. Das würde die Frau verletzten..
Wir haben uns dann erklären lassen was sie nicaraguanischer findet. Sie meinte, wir sollten einfach immer öfter auf den Termin an dem die Frau kommt eine andere Aktivität legen. Wenn sie kommt, sind die Jungs schon beschäftigt. Oder sie erfährt es von unsere Köchin..
Wir fanden, dass das so was wie „raus mobben“ sein könnte. Nein, keinesfalls, meinte Jackie, das würde die Frau gar nicht schlimm finden.
Heute traf mich dann die Erkenntnis. Hier ist oft so ein Planungschaos, Termine liegen übereinander, Leute erscheinen nicht zu geplanten Treffen oder kommen spontan und gehen wieder wenn es nicht passt und so weiter. Da würde keiner denken, dass doppelte Termine absichtlich waren.
Es passierten dann noch weitere Sachen, bei denen uns Nicaraguaner dasselbe erklärten. Mache die Sache von Tag zu Tag komplizierter für den anderen und erhöhe den Stresspegel, dann gibt er irgendwann auf. Dann brauchtest du ihn nicht direkt anzusprechen und er hat sein Gesicht nicht verloren, er hat selber die Entscheidung getroffen aufzuhören. Unser Einwand, das sei ja Mobbing, hat kein Einheimischer so gesehen.
Dieses Prinzip haben wir jetzt bei unserem „Kuhproblem“ versucht anzuwenden. Seit Wochen sind fremde Kühe auf unserem Grundstück rund ums Kinderheim. Da wir schon seit langem allen Bauern der Umgebung gesagt haben, dass wir kein Land als Weideland verpachten werden (wir haben viele schlechte Erfahrungen gemacht), verwunderte uns das.
Wir haben sie ziemlich oft von unserem Land runtergetrieben. Nachdem Andreas mit unseren Praktikanten dann aber an einem Tag 3 Mal hintereinander Rinder verjagt hat und sie immer wieder rein kamen, haben wir uns was Neues ausdenken müssen. Wir vermuten, dass der Besitzer oft unser Tor öffnet und sie bei uns rein treibt und wir fanden unseren Stacheldrahtzaun an einigen Stellen aufgeschnitten. Unsere einheimischen Mitarbeiter ermutigten uns, gegen diese Sache entschlossen vorzugehen, da es sonst zu einem Gewohnheitsrecht der umliegenden Kuhbesitzer wird, ihre Tiere bei uns reinzutreiben.
Wir redeten mit einem der Besitzer. Der sagte nur, dass er nicht genug Weidefläche für seine 23 (!) Kühe hat und wir ja genug hätten. Wir haben beratschlagt und beschlossen, nicht direkt die Polizei zu rufen. Erst einmal den Druck erhöhen..
Also haben die Praktikanten die Kühe zusammengetrieben und auf einem kleinen Feld eingesperrt. Und der Besitzer kam. Was das denn jetzt sollte? Wir sagten ihm, er müsse eine Strafe zahlen von umgerechnet 10 Cent pro Kuh. Dann würden wir sie rauslassen. Ja wo er das denn hernehmen solle?? (Eine Kuh kann auch hier hunderte von Dollar einbringen – so arm war er also nicht). Also setzte Andreas ein Schreiben auf, wenn wir noch einmal seine Kühe auf unseren Land finden, müsste er 10 Cent pro Kuh zahlen, danach 12 Cent, danach 14 Cent und so weiter. Das sollte er unterschreiben. Er hörte sich das entsetzt an und sagte, er könne nicht unterschreiben, da er nicht lesen könne. Und überhaupt, er habe 11 Kinder, die müsse er ernähren und er wolle uns gar nichts zahlen, usw…. Andreas sagte dann, das wir in den Kinderheimen insgesamt 44 Kinder haben. Er ließ das Argument viele Kinder fallen. (Er hatte Andreas zuvor sowieso erzählt er habe nur einen Sohn, und der könne nicht auf die Rinder aufpassen, weil er zu Schule gehen müsse).
Nee, nee sagte er, er habe sich jetzt 60 Jahre durchs Leben gekämpft und jetzt machen wir ihm so ein Stress.
Ja, dachten wir uns, der Stresspegel muss steigen