Schnitzeljagd

Wir sind in Deutschland. Alles ist uns so bekannt und vertraut. Trotzdem ertappen wir uns immer wieder dabei Vorsorge für Strom- und Wasserausfälle zu treffen. Ich spüle immer sofort nach dem Essen das Geschirr, es könnte ja später kein Wasser mehr geben. Andreas hat die Digitaluhr der Mikrowelle nicht gestellt – beim nächsten Stromausfall ginge die Programmierung ja wieder verloren.

Die Kälte macht uns nicht so zu schaffen wie wir erwartet hätten. Aber die Lufttrockenheit. Unsere Haut ist wie ein Schwamm, Hautlotionen und Cremes werden aufgesaugt und hinterlassen trozdem nur eine trockene, schuppige Haut.

Die Dokumente, die wir für eine Aufenthaltsgenehmigung in Nicaragua hier in Deutschland besorgen müssen sind zahlreich und teilweise nicht ganz verständlich. Beglaubigungen der Beglaubigungen und dann noch einmal überbeglaubigen lassen. Aber jetzt wo wir es angegangen sind, scheint der Berg erklimmbar zu sein. Vor ein paar Wochen wollte ich es nicht glauben und habe mir Alternativen überlegt. Aber alle 3 Monate eine Visumverlängerung beantragen und bezahlen und dann alle 6 Monate das Land für einige Tage verlassen ist auch nicht so das Wahre. Also ran an die Schnitzeljagd. Nur das es bei unseren Papieren nicht um unser Leben geht.

Emotional wesentlich belastender finde ich die Jagd nach Gabriels Papieren. Der kleine herzkranke Junge aus unserem Kinderheim muss dringend operiert werden, im Ausland. Es ist nicht einfach ein Krankenhaus zu finden, dass ihn umsonst operieren kann, aber es sieht so aus, als haben wir eins gefunden. Das ist die gute Nachricht. Jetzt muss das Kind erst einmal eine Geburtsurkunde bekommen, die unsere Kinderheimkinder nur sehr schwer bekommen. Erst dann kann man einen Pass beantragen und ein Visum. Unsere Kollegin kümmert sich in Managua darum. So beten wir, dass der Kleine diese Zeit überlebt. Dann werde ich mit ihm reisen.

Die Müllgebühren

Heute kam unser Vermieter um die Miete für November einzuholen. Ich zeigte ihm die Müllgebührenrechnung, die in unserem Breifkasten lag, weil der Gebühreneinsammler uns nicht zu Hause andgetroffen hatte. Auf der Rechnung stand eine Adresse wo wir die Gebühren einzahlen sollten. Aber da wir die Adressen hier ja noch nicht alle verstehen (es gibt keine Straßennamen und Hausnummern) wollten wir vom Vermieter erklärt haben wo die Stelle ist.

Er meinte, ach, die Müllgebühren, die bräuchten wir nicht unbedingt zahlen. Das wäre hier so was wie optional. Vielleicht kämen sie ja noch einmal an die Tür. Dann könnten wir, wenn wir mit ihrer Arbeit glücklich sind, sozusagen als Anerkennung, die Gebühr zahlen. Und wenn wir es uns leisten können. Er selber sei der einzige, der die Gebühr in seiner Straße zahlt.

Ja, ob die dann nicht irgendwann unseren Müll nicht mehr mitnehmen? Nein, nein, da soll ich mir mal keine Sorgen machen. Aber beim Strom, da müßte ich aufpassen. Wenn ich den nicht zahle, dann könnten sie ihn uns abstellen.

Da fiel mir der entlegene Ort hinter Rivas ein, wo wir bei einer armen Familie lebten. Da dort kaum einer für den Strom bezahlt, gibt es nur Abends von 18 Uhr bis Morgens 6 Uhr Strom.

Das Klima

Die Nicaraguaner sagen uns, die schönste Zeit des Jahres hat hier gerade begonnen. Die Regenzeit wird innerhalb der nächsten 2 Monaten abklingen (sie ist ja jetzt auch schon 6 Monate in Gange) und die Temperatur ist niedriger als sonst. Temperaturen wie für mich geschaffen. Gestern Abend zog ich einen langen Schlafanzug an und bedeckte mich mit eine dünnen Decke. Wir haben jetzt endlich ein Thermometer. Es zeigte 27 Grad an. Andreas legte sich unbedeckt schlafen. Aber im Laufe der Nacht wurde es immer kühler, dass er auch ein wenigstens ein Laken brauchte. Die Temperatur fiel auf 25° C ab!

Die lange Regenzeit läßt vieles schimmeln oder Stockflecken bekommen, wie ich schon berichtete… Aber obwohl ich eine Schimmelpilzallergie und sonst viele Allerigen habe, habe ich hier so gut wie keine asthmatischen Beschwerden gehabt. In unserem letzten Missionarstreffen unterhielten wir uns darüber und Christina meinte es läge daran, dass der Schimmel hier „einfach frischer“ ist. Das fanden alle lustig. 

Was die einzelnen dann beríchteten, wem es wo besser oder schlechter geht war interessant. Manche haben hier viel mehr Allergien, manche haben einen ständigen Juckreiz am ganzen Körper, während andere von der feuchten Luft profitieren. Wenn sie nach Hause fliegen bekommen sie Nasenbluten, weil ihre Schleimhäute die trockene Luft nicht mehr vertragen.

Wir brauchen gar keine Körperlotion mehr. Die Luft is so feucht, dass wir trockene Haut und Ekzeme gar nicht mehr kennen. Anders bei manchen Kindern im Kinderheim, die vom vielen Schwitzen und von der Sonne Ekzeme kriegen.

Wir jucken uns allerdings auch oft – wegen der Insektenstiche.  

Und ein Kälteasthma, das ich immer bei Sport unter 20° bekam, habe ich auch nicht mehr. Meistens will man bei über 20° sowieso kein Sport machen…

Wie auch immer, das momentane Klima tut uns gut.

Schutzengel auf der Strasse

Vergrößerung: SchlaglochDer Zustand der alten Straße nach Leon (einen anderen Namen hat die Straße, die zum Kinderheim führt nicht) verschlechtert sich von Tag zu Tag. Am Ende der Trockenzeit waren die Schlaglöcher alle geflickt worden, aber mit den Beginn des Regens hat sich wieder eins nach dem anderen aufgetan. Und von Tag zu Tag werden sie tiefer. Hin und wieder liegen Autos mit einem Achsenbruch am Wegesrand. Letzte Woche ist unser Nachbar in das auf dem Photo gefahren und es verwundert uns, dass sein Auto nur einen platten Reifen hatte. Das Bild haben wir heute gemacht, am zweiten Tag an dem die Sonne mal schien, nach 23 Tagen ununterbrochenen Regens.

Als ich zum Kinderheim fuhr, kam mir die Fahrt wie ein Computerspiel vor (obwohl ich so gut wie nie am Computer spiele). Permanent Schlaglöchern, Menschen, Pferden, Kühen, Bussen ausweichen. Das Slalom fahren um die Schlaglöcher herum, wirkte schon fast irreal auf mich. Wie am Monitor sitzen und Hindernisse umfahren. Sieben Leben habe ich, dachte ich mir. Wenn das Auto sieben mal einen Achsenbruch oder so was hatte, ist es ganz futsch. Dann ist das Spiel mit diesem Auto zu Ende gespielt. 

Aber jetzt mal wieder Ernst, die Straße ist so schlecht, man fragt sich immer, ob in manchen Ländern der Welt Gott mehr Schutzengel pro Person und Auto einsetzt. Jedenfalls beten wir täglich um Schutz und das Gott uns vor Unfällen bewahrt.

Als ich letzte Woche eines Morgens zum Fenster rausschaute, stand  Andreas stand mitten auf unserer kleinen Straße mit den Händen in die Hüfte gestemmt und schaute besorgt. Ich dachte mir, dass ich gleich mal nachschauen muss, was da los ist (kämpfende Hunde, streitende Kinder, randalierende Teenager?). Als ich das so dachte und meinen Besen wegbrachte, hörte ich einen Knall und Andreas aufschreien.

Ich rannte raus und da stand ein schöner weißer Mittelklassewagen mit seiner hintern Stoßstange an unserer hinteren Stoßstange. Die Fahrerin stieg aus, schüttelte uns die Hand, sagte „Mucho gusto“ (= „Angenehm Sie kennenzulernen“) und entschuldigte sich für das „Drauf fahren“. Sie habe den kämpfenden Hunden zugesehen und nicht zurück geschaut beim Rückwärtsfahren. Das hatte Andreas beobachtet. Nachdem sie mehrmals versucht hatte zu wenden und es ihr nicht gelang, ist sie 15 Meter schnurstracks rückwärts gefahren.

Andreas und ich schauten uns unsere Auto an und da es ja recht robust ist, hatte es keinen Schaden. Wir waren erleichtert und Andreas sagte ihr, es sei in Ordnung. Nein, sagte sie, für Euch vielleicht, aber nicht für mich! Leider war ihre schöne weiße Stoßstange ziemlich verbeult. Ja, sie hat recht. Sie tat uns leid. 

Da sie unsere übernächste Nachbarin ist, vereinbarten wir zum weiteren Kennenlernen einen netteren Anlass zu suchen.

Ein Leben ohne Werbung

Die Gründerin unserer Kinderheime, Sandy, ist Gestern aus USA nach Nicaragua gekommen und hat uns einige heiß erwarteten Sachen mitgebracht, wie medizinische Bücher.  Unter anderem brachte sie Andreas einen Werbekatalog für Videozubehör. Er saß und blätterte darin, schüttelte den Kopf und meinte zu mir: „So eine Verschwendung. Das ist ein Farbdruck. Der ganze dicke Katalog…“ Ich musste an die vielen Kataloge und Werbeprospekte denken, die jede Woche bei uns in Deutschland im Briefkasten waren. Und die waren auch noch oft Hochglanzdrucke. Wie fremd uns das vorkommt. So weit weg. So viel Papier. So viel Werbung. Wozu eigentlich Werbung? Das Leben läuft hier auch ganz gut ohne. 

Jede Woche einmal öffnen wir unseren Briefkasten. Es könnte ja was darin sein, auch wenn es keine Postzustellung gibt. Noch nie war dort eine Werbung oder Postwurfsendung drin. Doch, einmal fällt mir ein. Als wir 2 Tage lang kein Wasser hatten, hat jemand eine einfache Schwarz-Weiß-Kopie mit Werbung für Wasserspeichersysteme eingeworfen. Das fanden wir schlau. 

Durch die Glastür gerannt

Heute Morgen ist Andreas durch unsere Glastür gerannt. Es hatte angefangen zu regnen und er rannte so schnell er konnte nach draußen, um die Wäsche reinzuholen. Er versuchte es zumindest.

Ich hatte gerade das Baby aus dem Kinderheim, für das wir einen Termin im privaten Krankenhaus Metropolitano nachmittags hatten, direkt neben die Glastür zum schlafen hingelegt. Ich ging ins Büro und hörte kurz darauf einen entsetzlichen Knall und zerberstendes Glas. Ich dachte, die Gasflasche in der Küche sei explodiert. Als ich ins Wohnzimmer rannte, stand Andreas vor der zerbrochenen Fensterscheibe und blutete, wie es mir schien, überall. Das Baby hatte, Gott sei Dank, keine Scherben abbekommen.

Vergrößerung: Rest der GlastürEs ist schwer Ruhe zu bewahren, wenn der eigene Mann so blutet. Ich ließ ihn sich auf den Boden legen und rannte herum und suchte genug Verbandsmaterial. Wie gut, dass ich das gute Verbandsmaterial, das mir der Schwiegervater vor unsrer Abreise mitgab, schnell fand. Andreas brauchte ein paar Druckverbände.

Während ich danach eine Freundin anrief, die in der Nähe wohnt, rannte ich zu den Nachbarn, die uns gerade gestern noch einmal eindrücklich ihre Hilfe in allen Situationen angeboten hatten und bat sie, mit mir das Wichtigste für die Abfahrt zu regeln und sich um die Scherben, die Blutlachen und die kaputte Tür zu kümmern. Liebe Nachbarn. Das hilft so. 

Meine Freundin kam, packte uns alle ins Auto und fuhr uns quer durch die Stadt. Die Fahrt schien wie eine Ewigkeit. Aber im Metropolitano hat man Andreas sofort behandelt und wieder zusammengenäht. 

Andreas fühlte sich dann gut genug, um zu dem Termin des Babys mit uns zu gehen. Das war viel schlimmer dran als er –  nicht akut, aber chronisch. Der Arzt hat uns die ernste Lage erklärt und es war schwer für uns alle, die Fassung zu bewahren. 

Als wir nach Hause kamen, hatten die Nachbarn die Tür bereits reparieren lassen und es war alles geputzt. Das hat so geholfen. Andreas geht es zwar den Umständen entsprechend sehr gut, aber er ist schon ein wenig eingeschränkt und so wird alles ein wenig komplizierter und dauert länger…  

Die Tür wird ab jetzt „dekoriert“.

Auf der anderen Seite des Flusses

Kartenvergrößerung hier klickenWir sind heute aus dem Süden des Landes westlich von Rivas (nördlich von Tola) zurückgekommen, wo wir an einem medizinischen Einsatz in einer entlegenen Region teilgenommen haben. Obwohl Andreas und ich die ganze Zeit in der selbst mitgebrachten Apotheke gearbeitet haben und die Verschreibungen des nicaraguanischen Arztes zusammengestellt und mit spanischen Erklärungen versehen haben, habe ich beim Austeilen der Medikamente manche Schicksale mitbekommen.

Wir arbeiteten mit einer lokalen Baptistengemeinde zusammen, die alle Mitarbeiter stellte, so dass wir insgesamt 90 Patienten behandeln und beraten konnten.

Wir hatten nur eine Nacht eingeplant, aber als wir nach einem langen arbeitsintensiven Tag einpackten, regnete es heftig und der Fluss über den es keine Brücke gibt, schwoll an. Wir waren ja schon gut vorbereitet und hatten statt dem Kleinbus der Hilfsorganisation, unseren höher gelegten Pickup wegen des Vierradantriebes genommen (Filmclip „Flussdurchquerunghier). Aber das was uns an diesem Abend am Flussbett erwartete war einfach zu gefährlich. Tiefster Matsch und ein Fluss der ca. Hüfthoch angeschwollen war, so dass uns die Einheimischen warnten. Viele standen am Flussbett und warteten, bis das Wasser zurückgehen würde, um dann durch den Fluss zu waten.

Vergrößerung: Andreas am Brunnen - Wasser zum DuschenDa es sowieso schon stockdunkel war und die Fahrt nach Managua im Dunkeln wegen der vielen „Hindernisse“ kein Vergnügen, sondern eher eine Gefahr ist, kehrten wir um.

Unsere Gastfamilie der Nacht zuvor lebte auf der anderen Flussseite, so dass wir eine neue Familie suchten mussten, die uns aufnahm. Spontan nahm eine Frau aus der Gemeinde uns mit. Dona Digna versorgte uns mit Reis und Bohnen und ihre Enkelin stellte ihr Bett zu Verfügung. Morgens schöpfte Andreas Wasser aus dem Brunnen und in der daneben gelegenen Dusche übergossen wir uns. Komplette Ansicht des Hofes Abtrocknen war etwas schwierig, weil die Dusche kein Dach hatte und es immer noch regnete. Das war aber nicht so schlimm, weil es morgens schon warm war und sogar ich kaum gefroren habe.

Mit der Bitte das Hausschwein photographieren zu dürfen, habe ich ein paar Aufnahmen von dem urigen Hof gemacht.

Vergrößerung: Andreas frühstücktBeim Frühstück unter einem Gemälde der Golden Gate Bridge musste ich darüber nachdenken, dass diese Menschen, die hier ihr ganzes Leben verbracht haben, sich das Leben und Treiben in einer Stadt wie San Francisco kaum vorstellen können. Und auch nicht brauchen, wenn sie hier glücklich sind. Diese beiden Welten, die wir kennenlernen durften, sind so krass unterschiedlich, dass man sich manchmal fragt, ob sie sich auf dem gleichen Planeten befinden.

Gabriel lacht und lacht…

Heute waren wir mit dem 16-Monate alten Gabriel bei seiner Kardiologin, die in einem privaten Krankenhaus Managuas praktiziert und dort auch Kinder aus armen Verhältnissen oder Kinderheimen kostengünstig behandelt.

Gabriel war in den letzten Wochen sehr vergnügt trotz seines schweren Herzfehlers. Aber bei dem Arztbesuch übertraf seine Freude alles. Neben der Ärztin kamen noch ein Kardiologe dazu und der Kardiochirurg. Gabriel lachte permanent, was weiß ich warum. Die Ärzte meinten, er würde wohl sehr viel Liebe bekommen. Ja, das glaube ich auch.

Bis vor ein paar Wochen hat er wenig gelacht, war oft schlapp und hatte regelmäßig Wutanfälle. Immer wenn er etwas nicht bekam was ihm wichtig war. Wir Missionare oder die Kinderfrauen, die ihn gerade betreuten haben es mit Geduld ertragen (auch wenn er nicht immer bekam was er wollte). Inzwischen ist er nicht mehr so wählerisch und isst alles was man ihm gibt und spielt mit dem was man ihm gerade anbietet. Und wenn es nur ein Stück Papier ist. Das wird dann eben zerknüllt und wieder glatt gemacht, unter Unständen eine Viertel Stunde lang.

Die Ärzte meinten dann noch er hätte sich gut entwickelt und sei gut genährt. Er würde bestimmt viele Hamburger und Hot Dogs essen. Der Arzt lachte als er das sagte und Gabriel lachte laut mit. Nein, nein, das isst er nie, meinte ich, er isst Gallo Pinto (das nicaraguanische Hauptgericht aus gebratenem Reis und Bohnen) – jeden Tag.

Jedenfalls war der Termin für uns nicht so hilfreich. Da die Ärzte in der Kinderkardiologischen Ambulanz weder ein Pulsoxymeter haben (um die Sauerstoffsätigung zu messen) noch einen Arzt haben, der eine Echokardiographie machen kann, haben sie sein Herz mit Stethoskop abgehört und die Sauerstoffsätigung nach Anschauen seiner Fingernägel eben geschätzt.

Da er in Nicaragua sowieso nicht operiert werden kann, wollen sie irgendwann, wenn ein Arzt aus dem Ausland kommt, wenigstens nochmal eine Echokardiographie machen lassen, damit wir mit dieser Diagnose dann ein Krankenhaus im Ausland finden, das ihn operieren könnte. Wir machen uns jetzt auf die Suche.

Als ich Gabriel ins Kinderheim zurück brachte, brauchte ich mich nicht mehr rauszuschleichen wie sonst, wenn ich etwas Zeit mit ihm verbracht habe, damit er nicht schreit. Ich habe ihm einfach gewinkt und „Adios“ gerufen und er hat begeistert gelacht, zurück gewinkt und fand das furchtbar lustig.

Hoffentlich schlägt sein Herz noch lange und lässt ihn lange so vergnügt sein. Wir beten dafür.

Der Stress muss langsam steigen

Letzte Woche sprach uns die Hausmutter der Jungen, Jackie, an, dass es eine Frau gibt, die regelmäßig zu den Jungen kommt und mit ihnen was unternimmt, was pädagogisch nicht so geschickt sein könnte und wir außerdem schon ein Alternativprogramm für die Jugendlichen haben. So haben wir Jackie gesagt, sie könnte ja mit der Frau sprechen, ihr danken für ihren Einsatz in den letzten Monaten und dass wir jetzt noch weitere Programme für die Jungen hätten und dass das alles ein wenig viel wird… oder so…
Jackie meinte, dass das absolut nicht die Nicaraguanische Art und Weise wäre „das Problem“ zu lösen. Das würde die Frau verletzten..

Wir haben uns dann erklären lassen was sie nicaraguanischer findet. Sie meinte, wir sollten einfach immer öfter auf den Termin an dem die Frau kommt eine andere Aktivität legen. Wenn sie kommt, sind die Jungs schon beschäftigt. Oder sie erfährt es von unsere Köchin..
Wir fanden, dass das so was wie „raus mobben“ sein könnte. Nein, keinesfalls, meinte Jackie, das würde die Frau gar nicht schlimm finden.

Heute traf mich dann die Erkenntnis. Hier ist oft so ein Planungschaos, Termine liegen übereinander, Leute erscheinen nicht zu geplanten Treffen oder kommen spontan und gehen wieder wenn es nicht passt und so weiter. Da würde keiner denken, dass doppelte Termine absichtlich waren.
Es passierten dann noch weitere Sachen, bei denen uns Nicaraguaner dasselbe erklärten. Mache die Sache von Tag zu Tag komplizierter für den anderen und erhöhe den Stresspegel, dann gibt er irgendwann auf. Dann brauchtest du ihn nicht direkt anzusprechen und er hat sein Gesicht nicht verloren, er hat selber die Entscheidung getroffen aufzuhören. Unser Einwand, das sei ja Mobbing, hat kein Einheimischer so gesehen.
 

Dieses Prinzip haben wir jetzt bei unserem „Kuhproblem“ versucht anzuwenden. Seit Wochen sind fremde Kühe auf unserem Grundstück rund ums Kinderheim. Da wir schon seit langem allen Bauern der Umgebung gesagt haben, dass wir kein Land als Weideland verpachten werden (wir haben viele schlechte Erfahrungen gemacht), verwunderte uns das. Vergrößerung: Wir treiben die Kühe rausWir haben sie ziemlich oft von unserem Land runtergetrieben. Nachdem Andreas mit unseren Praktikanten dann aber an einem Tag 3 Mal hintereinander Rinder verjagt hat und sie immer wieder rein kamen, haben wir uns was Neues ausdenken müssen. Wir vermuten, dass der Besitzer oft unser Tor öffnet und sie bei uns rein treibt und wir fanden unseren Stacheldrahtzaun an einigen Stellen aufgeschnitten. Unsere einheimischen Mitarbeiter ermutigten uns, gegen diese Sache entschlossen vorzugehen, da es sonst zu einem Gewohnheitsrecht der umliegenden Kuhbesitzer wird, ihre Tiere bei uns reinzutreiben.
Wir redeten mit einem der Besitzer. Der sagte nur, dass er nicht genug Weidefläche für seine 23 (!) Kühe hat und wir ja genug hätten. Wir haben beratschlagt und beschlossen, nicht direkt die Polizei zu rufen. Erst einmal den Druck erhöhen..

Also haben die Praktikanten die Kühe zusammengetrieben und auf einem kleinen Feld eingesperrt. Und der Besitzer kam. Was das denn jetzt sollte? Wir sagten ihm, er müsse eine Strafe zahlen von umgerechnet 10 Cent pro Kuh. Dann würden wir sie rauslassen. Ja wo er das denn hernehmen solle?? (Eine Kuh kann auch hier hunderte von Dollar einbringen – so arm war er also nicht). Also setzte Andreas ein Schreiben auf, wenn wir noch einmal seine Kühe auf unseren Land finden, müsste er 10 Cent pro Kuh zahlen, danach 12 Cent, danach 14 Cent und so weiter. Das sollte er unterschreiben. Er hörte sich das entsetzt an und sagte, er könne nicht unterschreiben, da er nicht lesen könne. Und überhaupt, er habe 11 Kinder, die müsse er ernähren und er wolle uns gar nichts zahlen, usw…. Andreas sagte dann, das wir in den Kinderheimen insgesamt 44 Kinder haben. Er ließ das Argument „viele Kinder“ fallen. (Er hatte Andreas zuvor sowieso erzählt er habe nur einen Sohn, und der könne nicht auf die Rinder aufpassen, weil er zu Schule gehen müsse).
Nee, nee sagte er, er habe sich jetzt 60 Jahre durchs Leben gekämpft und jetzt machen wir ihm so ein Stress.

Ja, dachten wir uns, der Stresspegel muss steigen

Es schimmelt..

Vergrößerung: Angeschimmeltes ArmbandEs regnet viel…. Regenzeit. Und bei der Wärme und der hohen Luftfeuchtigkeit schimmelt so viel. Immer wieder entdecken wir verschimmelte Sachen im Kleiderschrank (Bücher, Kleidungsstücke, Schuhe, Taschen…..).
Als wir letzte Woche im strömenden Regen aus einem Geschäft kamen, sprangen wir ins Auto und ich meinte zu Andreas: Fahr schnell, schnell nach Hause! Sonst bin ich verschimmelt wenn wir dort ankommen!