Bäume wachsen nach

StraßenreparaturUnsere Straße wird gerade „geflickt“. Einige Schlaglöcher waren so tief, dass wir beim Einbiegen in die Straße immer Slalom fahren mussten. Da die Straßenarbeiter nicht so viele Hüttchen und Absperrmaterial haben, haben sie einfach einen dicken Baum umgelegt, zerteilt und um die Stellen verteilt. Bäume wachsen ja nach…

Wie die Zitrusbäumchen der christlichen Grundschule in Los Cedros. Dort waren wir gestern und der Direktor, ein Chilene, hat uns das Gelände gezeigt. Ich bewunderte die ca. 1m hohen Zitronen- und Orangenbäumchen. Ja, die wären nachgewachsen, sagte er.

Er erzählte uns, wie er letztes Jahr die Gärtner fragte, was sie mit dem Asthaufen machen wollten, der sich im Schulgarten stappelte. Verbrennen. Ja, dann sollen sie das mal mache, ehe der Haufen noch größer wird. Als er am nächsten Tag auf dem Weg nach Los Cedros war, sah er schon aus ca. 5 Kilometer Entfernung eine riesige Rauchwolke vom Schulgelände aufsteigen. Er raste hin und fand die ganze Zitrusplantage brennend vor. Die Bäume waren schon 2m hoch gewachsen.

Völlig entsetzt fragte er, was sie machen?? Ihr solltet doch nur die Äste verbrennen, nicht gleich die ganze Schule!! Ja, meinten sie, aber leider haben die Bäume Feuer gefangen. Aber das wäre nicht so schlimm. Die wachsen doch nach. 

Hier hat man eben eine etwas andere Einstellung zu Bäumen und zu geleisteter Gartenarbeit.

Mañana

Im voraus planen kann man in diesem Land nicht wirklich. Genauer gesagt, nicht über Morgen hinaus. Es ist immer, wirklich immer schief gegangen, wenn wir einen Termin mit irgendwem, sei es einer Privatperson, einer Firma, dem Rechtsanwalt oder einem Amt gemacht haben. Wir haben lange versucht eine Systematik hinter dem „Einhalten“ und „Nicht einhalten“ von Terminen zu finden.  Jetzt glauben wir es einigermaßen verstanden zu haben: Das Geheimnis heißt: Mañana! (Das heißt auf Spanisch „morgen“).

Bisher kannte ich das aus Südamerika so: Mañana, heißt: Morgen, morgen nur nicht heute. Also eigentlich nie. Hier ist das anderes. Wenn man einen Termin für was auch immer haben will, lautet es immer „Mañana“  Dann wird er auch meistens, wenn auch nicht immer, eingehalten. Aber das wir am nächsten Tag vielleicht nicht können oder nicht den ganzen Tag zu Hause sind findet man immer verwunderlich. 

Da man aber mit Ämtern und Geschäften am Sonntag nicht telefonieren kann, kann man für Montag schon einmal keine Termine machen.

Wenn wir irgendetwas kaufen, was geliefert werden soll, müssen wir sicher sein, das wir am nächsten Tag zu Hause sind, weil dann immer geliefert wird. Wir sind jetzt so oft auf Unverständnis gestoßen, wenn wir gesagt haben: Wir bestellen das zwar heute, aber Morgen können sie nicht liefern, wir sind nicht zu Hause. Nicht zu Hause sein, das scheint es hier nicht zu geben. Irgendeiner bliebt immer beim Haus, wenn nicht die Señora des Hauses, dann wenigstens ihr Dienstmädchen oder ein anderer Angestellter. Schon aus Sicherheitsgründen.

Wie oft haben wir jetzt gesagt bekommen: Wir waren an ihrem Haus, um Ihnen ein Dokument (oder was auch immer) abzugeben, aber es war keiner da! (Man könnte ja auch mal vorher angerufen haben…)

Wie wir das Problem kulturgerecht lösen sollen, wenn weder ich den ganzen Tag zu Hause bleiben will, noch wir ein Dienstmädchen anstellen wollen, weiß ich auch nicht. Aber es wird für uns zunehmend schwieriger cool und geduldig zu bleiben wenn jemand wieder vorwurfsvoll sagt „Sie waren nicht zu Hause!!“ 

Einen Vorteil hat das ganze System jedoch: Einen Taschenkalender braucht man nie dabei zu haben. Die Termine für den nächsten Tag kann man sich ja noch so merken. Im Kalender stehen bei uns nur die Flugtermine, unsere eigenen und die anderer, die uns besuchen kommen. Die Fluggesellschaften machen bei dem Mañana-System nicht mit.

Gutes Essen

Heute hatten wir einiges für das Kinderheim in Managua zu erledigen. Leider fand Andreas keine Hose mehr, die ihm gepasst hätten, auch die Gürtel konnten seine Hosen nicht mehr hochhalten. So beschlossen wir, wenn wir sowieso schon in der Stadt waren, neue kaufen zu gehen, was gar nicht so einfach ist, wenn man sich in dieser Stadt nicht auskennt.

Eine weitere Maßnahme, neben der eine neue Konfektionsgröße anzulegen, war der Besuch eines westlichen Schnellimbisslokals wo er sich die „kalorienreichste Mahlzeit für das wenigste Geld“ bestellt hat. Da mir das nicaraguanische Essen sehr zusagt und die Hitze meinen Appetit auch nicht bremsen kann, habe ich lieber eine andere Mahlzeit gewählt…

In dem Bekleidungsgeschäft mussten wir uns ein wenig an die Verkäuferinnenflut gewöhnen, die in der Umkleidekabine zu viert dann direkt vor seiner „Zelle“ standen. Ich stellte mich dazu und wir starrten dann alle 5 gebannt auf seinen Bund. Ob die Hose passt? Wir kauften zwei Hosen für ihn, das kalorienreiche Essen braucht schließlich seine Zeit bis es „wirkt“.

Dann fuhren wir in eine Schlosserei um Schlüssel nachmachen zu lassen. Der Besitzer des kleinen Ladens war redselig und wollte wissen, ob wir aus dem demokratischen oder dem föderalen Teil Deutschlands kämen. Ich schaute ihn etwas fragend an und er fragte, ob wir auf dem Teil Deutschlands kommen, der früher demokratisch genannt wurde aber nicht demokratisch war? Nein, sagte ich, wir kommen aus dem Teil der auch wirklich demokratisch war.

Er erzählte uns seine Meinung über die Armut in Nicaragua. Armut ist ein Lebensstil in seinem Land. Selbst wenn du einem Armen 100 Dollar in die Hand drückst, wird er es nicht benutzen um sein Haus in Ordnung zu bringen, sondern er wird es so lange für Vergnügen ausgeben, bis es verbraucht ist.

Er sei der Meinung dass sich jeder, ob er viel oder wenig Geld hat, viel und gutes Essen leisten sollte. Wer am Essen spart ist geizig. Ein reicher Nicaraguaner, mit dem er oft zusammenarbeitet, isst immer nur Tortillas um Geld zu sparen. Der wäre zwar reich an Geld, aber arm in seinem Lebensstil.

Da fielen uns Andreas Gürtel im Auto ein. Ob er einen Locher für Ledergürtel habe? Wir müssten ein paar zusätzliche Löcher in einige Gürtel machen. Ja, einen Locher aus der ehemaligen DDR habe er. Der wäre so billig gewesen, so habe er ihn sich damals zugelegt. Früher gab es in Nicaragua im Wesentlichen nur Importe aus der DDR und Russland. Wahrscheinlich hat er seine Gürtel damit immer nur weiter gemacht. Man sah ihm an, dass er nicht geizig war (zumindest nach seiner Definition).

Nach dem Lochen fuhren wir auf dem Nachhauseweg in einer deutschen Metzgerei vorbei und leisteten uns, wie bisher erst zweimal, deutschen Wurstaufschnitt. Und dann haben wir uns so ein richtiges gutes Abendbrot zu Hause gemacht.

Ja, deutsche Essen schmeckt mir auch. 

   

Gärtnern

In der letzten Zeit fiel mit zunehmend auf, dass der Gärtner und sein Gehilfe im Kinderheim Los Cedros eigentlich nur mit Machete arbeiten, wie die meisten Gärtner hier. Die Machete benutzen sie wirklich für alles. Auch fürs Rasenmähen, allerdings haben wir für die große Rasenfläche dort einen Rasenmäher.
 
Aber als wir letzte Woche eines Morgens im Kinderheim ankamen, konnte ich mich kaum einkriegen, weil der Gärtner und sein Gehilfe wieder alle Dekopflanzen mit der Machete kurz und klein gehackt hatten.
 
Das wunderschöne Zierbeete am Babyhaus mit lauter exotischen Büschen und Blumen, war völlig zusammengeschlagen. Nur die Palmen standen noch. Und ein paar kahle Stängel. Ich habe vorsichtig angefragt, was das denn soll. Ach, das wächst alles wieder.
 
Ja, irgendwie schon, denke ich, aber manche Beete, die letztes Jahr noch schöne Dekopflanzen und Blumen hatten, bestehen jetzt nur noch aus Erde. Die Erde wird schön unkrautfrei gehalten. Sandy war bei ihrem letzten Besuch auch schon irritiert darüber. Wo all die Pflanzen geblieben sind?
 
Papayabaum im Kinderheim Entweder warten jetzt alle, dass irgendeiner mal neue Pflanzen für die Beete kauft oder was mir so langsam dämmert ist, dass unsere Vorstellung von schönem Garten einfach anders ist, als die mancher Nicaraguaner. Weil hier alles so tropisch gut in der Regenzeit wächst, wird vielleicht ein Garten, der schön leer gehalten wird, als gut gepflegt angesehen? Ich werde dem auf die Spur gehen.
 
Papayafrüchte sind relativ teuer, halten nicht so lange wenn wir sie auf dem Markt kaufen, aber alle lieben sie als Zwischenmahlzeit. Und der Papayabaum, die schon im Kinderheim wächst, hat nach einem Jahr so reichlich Frucht getragen und die Kinder sind begeistert. Da uns die Wassermelonen hinter dem Kinderheimgebäude gestohlen wurden, aber wir von der Papayapflanze auf der Spielwiese schon viel geerntet haben, habe ich mir gedacht, dass wir noch ein paar gebrauchen könnten. Also habe ich heute Morgen 2 kleine Papayabäumchen gekauft und Julio, unseren Gärtner gebeten sie am Rand der Spielwiese der Kleinkinder einzupflanzen. Und schützen solle er sie mit Pfosten damit sie beim Rasenmähen nicht beschädigt werden und von dem Kindern nicht umgerannt werden.
Kleines PapayapflänzchenAls ich rauskam hatte er sie gepflanzt und mit 3 dicken Pfosten umgeben umd die von oben bis unten mit Stacheldraht umwickelt. Ich lobte ihn für den super Schutz, meinte aber, dass es ja immer noch die Spielwiese der Kinder ist und keine Obstwiese und so ginge die Sicherheit der Kinder vor. Also statt Stacheldraht was Kinderfreundliches.. Wir haben schließlich einen alten Schlauch gefunden und den wir zum Umwickeln benutzt. Mal sehen, ob die Bäumchen überleben.
 
Als ich Julio zu seinen Erfahrungen mit Gärtnern gefragt habe, sagte er, er habe eigentlich gar keine Ahnung und würde sich freuen was zu lernen. Das braucht man mir nicht zweimal zu sagen. Ich liebe Gärtnern. Und so habe ich losgelegt, mit der Neugestaltung der Gartenanlage, die nach den vielen Kahlschlägen dringend notwendig geworden ist. Wenn nur die Hitze nicht wäre.
 
Eigentlich habe ich von tropischen Gärten auch nicht so viel Ahnung…   

Ich welke..

Inzwischen haben wir seit 48 Stunden kein fließendes Wasser mehr.

Andreas musste heute ins Kinderheim um dort die Übergabe von gespendeten, medizinischen ophtalmologischen Geräten an Vertreter des Gesundheitsministeriums durchzuführen und zu dokumentieren. Er hat dann dort geduscht.

Ich mußte zu Hause bleiben, weil bei dem Versuch den tropfenden Wasserhahn im Bad zu reparieren der Handwerker versehentlich die Wand zum Wohnzimmer durchgebrochen hat. Die sollte dann heute neu verputzt und gestrichen werden. Zusätzlich zu dem schon gestern beschriebenen Herausforderungen ohne Wasser kam also noch das Verputzen der Wand..

Ich bat Andrea, die mit Pedro heute Morgen sowieso ins Krankenhaus in Managua fahren musste, mir Wasser vorbeizubringen. Die zwei Eimer waren so hilfreich. Geschirrspülen, „Duschen“ und mit dem gebrauchten Wasser dann Toilette spülen.

Ich habe alle Eimer und Wannen, die ich besitze in den Garten gestellt, aber leider hat es trotz Regenzeit nicht mehr als ein paar Tropfen geregnet.

Die Wasserwerk-Hotline sagte mir zwar, dass das Wasser heute Nacht wieder angestellt wird, aber man weiß es nie so richtig. Als ich die Telefonnummer der Hotline suchte, habe ich die letzte Wasserrechnung rausgekramt. Darauf stand groß: „Ohne Wasser gibt es kein Leben.“ Ja, ich welke so langsam…

Traktor

Mit Hilfe eines Traktormechanikers haben wir den alten Traktor wieder in Gang gebracht, so dass einige Arbeiten auf dem Land des Kinderheimes erledigt werden können. Als es darum ging, den Traktor samt sehr langem Anhänger in den Schuppen rückwärts einzuparken, bot sich Andreas an. Dank seines Traktortrainings und Anhängererfahrung bog er in einem eleganten Schwung in den Schuppen und stand perfekt ohne weiteres Rangieren. Alle männlichen Angestellten, die dabei standen, staunten was „Doctore“ (wie sie ihn manchmal nennen) kann.

Bisher haben wir uns mehr auf das Orangisieren und Verwalten konzentriert, aber wir freuen uns darauf, auch mal „praktisch“ zu werden.

Wasser

Jetzt haben wir schon seit 24 Stunden kein Leitungswasser mehr. Die Dame an der Wasserwerk-Hotline erklärte mir, dass eine Leitung defekt sei und heute Nacht repariert werden soll. Wann wir wieder Wasser haben werden ist unklar.

Mein Körper klebt von Sonnenschutzmilch, Fenistil-Gel (auf den Mosquitostichen), Insektenrepellent und Schweiß vom Arbeiten bei 35° C den ganzen Tag.

Das Geschirr türmt sich in der Küche und lockt Insekten an und die Toilette, die sowieso schon so super leicht verstopft, will ich nicht beschreiben.  

Da wir in der letzten Zeit immer nur Nachts kein Wasser hatten, haben wir keinen größeren Wasservorrat mehr angelegt. Wie dumm. Das ist aber auch nicht ganz so einfach, wie es klingt, weil sich in dem Wasser schnell mal was tummelt. Die 15 Liter, die ich in einem Eimer vorrätig hatte, habe ich zum größten Teil zum „Duschen“ heute Morgen verwendet, als ich vom Joggen zurückkam. Joggen in dem Tropen, ist am Morgen eben immer noch tropisch. Nicht heiß, aber sehr warm. Sehr schweißtreibend. Ich nahm an, dass wir, wie immer morgens, irgendwann wieder Wasser haben würden. Und so opferte ich das Wasser aus dem Eimer. 

Im Kinderheim fiel das Wasser auch für 5 Stunden aus, aber Andreas hat dort Duschen können.

Aber jetzt zum Positiven: Wir haben in den letzten 24 Stunden ganze 23 Stunden lang Strom gehabt! 

Polizisten

Als wir gestern auf dem Weg zum Kinderheim waren, stand ein Polizist auf der Landstraße und schien das Auto vor uns anhalten zu wollen. Der Fahrer wurde ganz langsam, aber als der Polizist uns beide in unserem Auto sah, ließ er das Auto fahren und hielt uns an. Er wollte unsere Papiere sehen. Die waren in Ordnung und angeschnallt waren wir auch. Das hätte sonst 25 Dollar kosten können. Viel für dieses Land eigentlich.

So nahm er seinen Bußgeldkatalog und sagte, dass er uns jetzt bestrafen müsse. Wir waren uns keiner Schuld bewußt. Wir waren uns wohl bewußt, dass wir keinen Nicaraguaner im Auto sitzen hatten, wie das Auto vor uns. 

Auf die Frage wofür er uns bestrafen wolle, blätterte er eine Weile im Bußgeldkatalog und sagte dann, wir hätten die vorgeschriebenen 30m Abstand nicht eingehalten, die für Landstraßen gelten. Klar, sagten wir, weil er selber das Auto vor uns fast angehalten hat, es so langsam fuhr und man bei 20 km/h keine 30m mehr einhalten müsse. Doch, doch, immer auf Landstraßen. Das müßte man immer einhalten, sagte er. Daraufhin haben wir einfach gesagt, wir hätten die eingehalten.

Ja sagte er, schaun Sie mal, das ist aber mein Job. Mein Job ist es, Strafzettel zu verteilen. Dem habe ich zugestimmt, es aber mit der Erklärung ergänzt, dass er die Strafen bei Vergehen auferlegen muss, damit die Autofahrer sich zukünftig besser an die Gesetze halten.

Er schaute mich etwas verwirrt an. Dieser Zusammenhang könnte neu für ihn gewesen sein.

Er erklärte uns noch eimal, dass sein Job das Verteilen von Strafzettel sei und da wir trotzdem nicht zahlen wollten, weil wir auf den Zusammenhang zwischen Vergehen und Strafe bestanden, hat er uns schließlich weiterfahren lassen. Ohne Strafe.

Als wir vor ein paar Tagen einen Polizisten mitnahmen, der als Anhalter an der Straße stand, setzte dieser sich auf den Beifahrersitz. Nach einer Weile fragte er etwas irritiert, was denn das blinkende rote Zeichen einer nicht angeschnallten Person zu bedeuten hätte. Wir erklärten ihm, dass es bedeute, der Beifahrer sei nicht angeschnallt. Er fand es toll, wie das Auto das wußte, hat sich aber trotzdem nicht angeschnallt.

Heute der Polizist, der uns anhielt hat unsere Papiere kontrolliert und da alles in Ordnung war, hat er uns weiterfahren lassen. Das war der erste Polizist, der uns nicht irgendetwas zu Last legen wollte. Toll. Ich glaube, unser Spanisch ist besser geworden.

Kompost, Hühner und Bakterien

Heute haben Andreas und ich unsere diversen Verantwortungsbereiche übernommen und Angesichts der Fülle der Verantwortung war ich ein wenig besorgt die letzten Tage. Unsere Angestellten sind alles einfache, ungelernte Kräfte aus dem Dorf hier. Unsere westlichen Vorstellungen von Gesundheit, Hygiene, Erziehung, Ehe, Landwirtschaft, Ernährung und unsere Werte sind oft krass unterschiedlich.

Sogenannter KompostAber da ich sowieso erst einmal alles richtig verstehen muss, bevor ich was ändere und dann nicht alle Veränderungen auf einmal angehen kann, habe ich mir in jedem Bereich erst einmal nur eine Umstellung vorgenommen. Wer hätte es gedacht, dass ich als erste „Amtshandlung“ im Bereich der Landwirtschaft den Kompost neu organisiert habe. Ich habe die Köchin, die Gärtner und Teenager, die bei der Gartenarbeit helfen, zusammengeholt und mir ihren Kompost erklären und zeigen lassen.

Es war ein großes Loch hinten im Feld in der prallen Sonne in dem Gemüse- und Obstschalen, gekochte Speisereste, und massenhaft Plastik und Metall reingekippt wurden, seit Monaten. Seitdem sie einen Kompost anlegen sollten, aber nicht wussten wie.

Neuer KompostSo habe ich ihnen das Prinzip des Komposts erklärt und sie gebeten den Plastik und Metallmüll rauszusammeln. Dann wird der Erdaushub wieder drüber geschaufelt und ein neuer Kompost angelegt. Wir haben uns ein schattiges Plätzchen ausgesucht.

Jetzt muss ich aber mal dringend den Kompostwurmbauern aufsuchen und Würmer besorgen. Einer der Männer meinte, man könne, wenn man genug von den Kompostwürmer hätte, sie raussammeln, aushungern lassen, braten und essen. Ich bin ja bereit viel auszuprobieren, aber das spar‘ ich mir, glaube ich.

Es ist gar nicht so einfach, wenn man keine Müllabfuhr hat. Alle paar Wochen lädt einer von uns den ganzen Müll auf seinen Pick-Up und fährt ihn zur Mülldeponie. Solange wird es in Säcken draußen gelagert. Das Loch hatte den Vorteil, dass sich die Ratten und die Hunde frei bedienen konnten, während wenn sie die Säcke aufreißen mehr Sauerei anstellen. Was machen wir also mit den Essensresten von den Tellern? Die Schweinezucht hat uns letztes Jahr zu viele Fliegen beschert. Bei so vielen Babys ist das nicht gerade das Gesündeste.

Wir haben uns jetzt entschieden Hühner auszuprobieren. Die Vorschläge waren abenteuerlich, und da ich keine Ahnung von Hühnern habe, habe ich erst einmal dem Kauf von 10 Hühnern und 10 Küken zugestimmt. Es ist ja nicht so, dass man in diesem Land nicht alles von jemandem lernen kann. Aber das erfordert Zeit. Wir werden uns in den nächsten Wochen mal auf „Besuchstour“ begeben.

Aber die Hühner und der Kompost sind nicht das eigentliche Problem. Ich muss jetzt allen irgendwie kulturangepasst unsere Hygieneregeln noch einmal beibringen. Das z.B. jeder sich die Hände mit Seife vor jeder Mahlzeit waschen soll und die Köchinnen vor dem Arbeiten mit Lebensmitteln die Hände desinfizieren sollen. Das kommentierte ein Mitarbeiter mit den Worten: „Ja in Deutschland ist das so. Aber hier in Nicaragua machen wir das nicht. Hier sind doch Bakterien überall!“

In Deutschland desinfiziert man sich zu Hause die Hände auch nicht, habe ich sie beruhigt. Aber das nicaraguanische Gesundheitsministerium hat Gesetze für Kinderheime….

Ich muss mir jetzt irgendeine plastische Darstellung von Bakterien und deren Verbreitung ausdenken, die hier akzeptiert wird. 

  

Man gewöhnt sich an vieles…

Sandy mit KinderSandy, die Gründerin der beiden Kinderheime ist zur Zeit hier und ich erzählte ihr, dass ich mehrmals die Woche einen Blog schreibe. Sie fragte, was ich da so schreiben würde. Ich erklärte ihr, dass ich weniger von meinen momentanen Befindlichkeiten berichten würde (meistens sind Andreas und ich ganz vergnügt), sondern eher nur die ungewohnten Tatsachen schildern würde. Das schwüle Wetter, Tropenstürme,  Strom- und Wasserausfälle, der Schimmel, Mosquitos, Skorpione, Schlaglöcher, Polizisten, Handwerker ohne Werkzeuge, „Mañana“, Streiks, Durchfälle, Krankenhäuser, Armut, aber auch hilfsbereite Nicaraguaner, strahlende Kinder, unkomplizierte Vermieter,  Bananenstauden, Riesenpapayas, der pulsierende Markt, der tropische Regenwald, usw…

Sie meinte, ich solle so viel wie ich kann in den ersten Monaten aufschreiben, nach ein paar Jahren, würde ich das alles nicht mehr als ungewöhnlich oder berichtenswert empfinden.

Ja, das merke ich jetzt schon ein wenig. Dinge, die ich früher sofort berichtet hätte, kommen mir jetzt so alltäglich vor oder ich nehme sie eher als unveränderlich hin.

Zum Beispiel mussten wir vor 2 Tagen eines unserer Babys, Gabriel, ins Krankenhaus schicken. Andrea fuhr mit ihm hin. Obwohl es ein privates Krankenkaus ist, ließen sie Gabriel, der einen schweren Herzfehler hat (und daran bald operiert werden muss), mit seiner Lungenentzündung, Hals- und Ohrentzündung einfach 5 Stunden mit Luftnot ohne Behandlung liegen. Andrea durfte ihm nichts zu essen oder zu trinken geben, bis der Arzt ihn angesehen hätte. Ja, hätte. Der kam nie. Und Andrea ist Britin und nicht auf den Mund gefallen. Aber je mehr Theater sie machte, desto weniger schien sich zu bewegen. Schließlich packte sie ihn und sagte sie ginge, weil sie ihn nicht mehr hungern und dursten lassen könne.
Und so hängte dann die Krankenschwester endllich die i.V. Antibiose an und brachte ihm Essen und Trinken. So gut wie in diesem Moment hat er schon lange nicht mehr gegessen. Er hatte ja auch von 11 Uhr Morgens bis 21 Uhr nichts gegessen. Ich bin froh, dass er noch die Kraft dazu hatte.

Während mich solche Erlebnisse wahrscheinlich immer bekümmern werden, werde ich viele andere Dinge einfach nicht mehr so als störend oder ungewöhnlich wahrnehmen.