Archiv des Autors: Marion

Passfoto

Als ich Gabriel heute Fotos zeigte, wollte er unbedingt ein Passbild vom Andreas haben und schrie immer „Mio!“ („Meins!“). So gab ich es ihm und er lief herum zeigte es jedem und sagte: „Ade!“ Jetzt wissen wir endlich wie er Andreas nennt. Es schien uns irgendwie komisch, dass wenn er nach mir rief, er immer „Mayon Ade“ rief, aber jetzt wissen wir ja was es heißen soll.

Als er jedenfalls genug mit dem Bild herumgelaufen war, steckte er es Luz, einem Kindermädchen in den Ausschnitt. Die zog es völlig entsetzt raus und meinte, wenn ihr Lebensgefährte das dort findet, bringt er sie um. Peinlich.

Betrogen oder nur verschlampt?

Bitter war es festzustellen, dass der Rechtsanwalt, der unser Werk hier vertritt, zwar sein Honorar eingenommen hat, aber ein Großteil der notwendigen Dokumente nicht an die entsprechenden Behörden weitergeleitet hat. So stehen wir in manchen Bereichen, in denen Andreas sehr viel Arbeit investiert hat, wieder vor dem Null. Irgendwie müssen wir das jetzt den Behörden klarmachen.

Ständig haben wir den Anwalt im letzten Jahr gebeten, uns alles Notwendige zu erklären, damit wir alles pünktlich und ordentlich einreichen können. Seine Aussagen: „Ja, ja geht schon alles klar“, oder „Das ist so kompliziert, das könnt ihr gar nicht selber machen, das mache ich“ wurden uns immer verdächtiger. Das volle Ausmaß ist uns dann am letzten Tag des Jahres 2008 klargeworden, als wir uns mit einem unabhängigen Berater getroffen haben. Der Experte teilte uns mit, dass wir viele Dinge hätten machen müssen, über die uns unser Anwalt nicht korrekt informiert hat. Jetzt heißt es: Nacharbeiten und das Beste hoffen.  

Es ist einfach nicht zu fassen manchmal. Irgendeinem muss man doch hier trauen können.

Weihnachtszeit

Die Weihnachts- und Neujahrszeit hier war für mich hier viel schöner als ich erwartet hatte. Warme Temperaturen aber ein angenehmer Wind vom Pazifik, nette Deko, deutsche Weihnachtsmusik, die wir uns mitgebracht hatten halfen es zu genießen. Wir haben uns eine süße Weihnachtskrippe hier gekauft, deren Figuren urige Mäntel anhaben, aber alle barfuss sind. Die Kinder des Kinderheimes verbrachten Weihnachten mit den Missionarsfamilien und wir besuchten uns gegenseitig.

Unschön waren die Tage, an denen wir mit Gabriel wieder in die Notfallaufnahme mussten.  

Wenn es Gabriel gesundheitlich gerade gut geht, ist er fast wie ein normaler kleiner 1 1/2-Jährige und hält uns ziemlich auf Trab aber wir müssen auch ständig mit ihm lachen. Wenn es ihm schlecht geht, hält er uns noch mehr auf Trab. Ich zähle schon gar nicht mehr die Medikamente, die ich dem armen Kind einflößen soll. Er macht es meistens mit. Die Ohren- und Nasentropfen erfordern ein bisschen mehr schauspielerisches Geschick von uns. Aber er findet es so witzig, wenn wir uns schütteln vor lauter angeblichen Tropfen in der Nase, dass er es dann auch unbedingt haben will.

Seit einer Woche wird uns tagsüber wieder das Wasser ausgestellt, das heißt der ganzen Wohngegend. Meistens ca. 15 Stunden lang. Das ist ohne Kind schon doof genug, aber mit Kleinkind im Haus ist das nicht mehr witzig. Wenn ich nicht sehr früh Morgen die Waschmaschine anstelle, läuft sie nicht mehr zu Ende und ich muss bis zum nächsten Morgen warten. Da wir so sparsam mit dem Putzwasser aus den Eimern umgehen müssen und Gabriel viel rumkleckert, finden die Ameisen meinen Boden wohl interessanter als sonst und heute Morgen hatten wir eine Ameisenstrasse quer durchs Wohnzimmer. 

Gestern habe ich beim Wasserwerk angerufen und meine Empörung ausgedrückt. Und ich bekam dieselbe Antwort wie die letzten Male wo das Wasser über viele Tag abgestellt war: Morgen wird es endgültig angestellt. Und siehe da, so wie immer. Wir haben tatsächlich heute Wasser!

Jetzt frage ich mich ernsthaft, ob ich immer zufällig am Tag bevor das Wasser sowieso wieder angestellt werden soll anrufe oder ob meine Beschwerde in leicht fehlerhaftem Spanisch was bringt. Schwer zu glauben. Es ist wohl eher Zufall. Soweit ich weiß, beschweren sich viele andere auch.

Pflegekind

Vor einer Woche hatte der kleine herzkranke Gabriel eine so schwere zyanotische Krise, dass eine Kinderfrau mit dem schlappen, blau angelaufeVergrößerung: Sauerstoff für Gabrielnen Kind angerannt kam und wir sofort in die Notfallaufnahme fuhren. Als wir nach einer Stunde Fahrt endlich im Krankenhaus ankamen ging es ihm wieder verhältnismäßig gut. Er bekam für seine Bronchitis unzählige Medikamente. Da wir einfach nicht verantworten konnten ihn wieder ins Kinderheim zu bringen, lebt er jetzt bei uns. Seitdem versuchen wir ihm mit allen erdenkbaren Tricks die bitteren Medikamente einzuflösen und die Inhalationen machen zu lassen. Mehrmals täglich fällt seine Sauerstoffsättigung ab, so dass wir eine Sauerstoffflasche gekauft haben. Auch die Sauerstoffgaben findet er nicht sonderlich toll. Es ist schrecklich ein fast sterbendes Kind in den Armen zu halten. „Eijeijei“….. das sagen wir oft und Gabriel sagt es jetzt auch. „Eijeijei“.

Überhaupt fasst er auch die deutsche Sprache super schnell auf. Er plappert alles nach. Manchmal meinen wir einen kleinen Papagei im Haus zu haben. Es ist seltsam ein Kind, mit dem ich immer Spanisch gesprochen habe, jetzt „mehr!“ rufen zu hören, wenn ihm was schmeckt. Es gibt auch nichts, was ihm nicht schmeckt. Wenigstens was Essen betrifft ist er pflegeleicht. 

Wir und viele andere beten, dass Gabriel bis zur geplanten OP im Ausland durchhält. An seinen Papieren arbeitet das Familienminsterium jetzt wenigstens. Allerdings mussten wir dazu kreuz und quer durch Managua fahren und Krankenhäuser Schreiben aufsetzten lassen, dass sie die nötige OP nicht machen können. Ich hoffe, wir halten auch gut durch. 

   

Das Programm der Liebe?

Heute haben sie Pedro abgeholt.

Pedro hat vor einem Jahr großflächige Verbrennungen dritten Grades erlitten und wie durch ein Wunder überlebt. Da seine Mutter sich aber nicht um seine medizinische Betreuung gekümmert hat und ihn vernachlässigt hat, wurde er vor ca. 9 Montaten vom Familienministerium ins Kinderheim gebracht. Wir haben seine transplantierte und vernarbte Haut täglich 2 Stunden lang behandelt. Außerdem Druckbandagen und eine Druckmaske im Gesicht angelegt. Und im Krankenhaus um seine Behandlung kämpfen müssen. Im wesentlichen hat Andrea sich eingesetzt.

Gestern ist Andrea abgereist um Weihnachten bei ihrer Familie in den USA zu vebringen. Sie hat uns und den Kinderfrauen noch ein „Lehrgang“ gegeben, wie wir Pedro richtig behandeln. 

Und heute Nachmittag bekamen wir einen Anruf, dass das Familienministerium ihn seiner Familie zurückgibt. Zwei Stunden später standen dann 6 Leute im Kinderheim, ließen sich kurz seine Massagen und Bandagen erklären und nahmen dann das schreiende Kind mit. Den Vater hätten sie mitbringen wollen, aber den hätten sie nicht gefunden.

Wir alle, auch die älteren Kinder standen unter Schock. Er war ein Teil von uns. Wir haben ihn gesund gepflegt. Ohne weitere, richtige Behandlung wird alles wieder so schlimm wie es einmal war. Wir bettelten wenigstens eine Übergabe an die Eltern machen zu dürfen. Oder eine Übergangszeit haben zu können. Ja, ja..

Seine „Rückführung“ ist Teil des „Programa de Amor“ (Programm der Liebe) das sich die Regierung ausgedacht hat. Sie behaupten, dass 80% der Kinder ja nur wegen der Armut ihrer Eltern in Kinderheimen seien und alle nach Hause geschickt werden können. Und die anderen 20% sollen in nicaraguanische Pflegefamilien. Nach unseren Beobachtungen sind aber 80% der Kinder zu Hause misshandelt worden, manchmal schwer. Für manche wird das Programma de Amor zum „Programa de Terror“. Wir machen uns echt Sorgen um unsere Kinder.

Der Kultuschock kommt in Scheibchen

Ich war gespannt, wie es uns dabei geht, wenn wir nach einem längeren Aufenthalt in Deutschland wieder in „unser“ Entwicklungsland reisen. Aber ich kann nicht sagen, dass es irgendwie komisch war. Wir waren eben wieder in unserem zweiten zu Hause.

Joel, unser nicaraguanische ehrenamtliche Mitarbeiter des Kinderheimes holte uns am Flughafen ab. Die Trockenzeit hat begonnen, die schöne grüne Landschaft vertrocknet langsam und überall wird der Müll wieder am Straßenrand verbrannt. Joel erzählte uns, dass er einen grasfreien „Grenzstreifen“ um die Grundstücksgrenzen gezogen hat, damit sich eventuelle Feuer nicht auf unser Land ausbreiten.

Etwas enttäuscht waren wir, dass wir im Gespräch mit Joel und Lianne dann feststellen mussten, dass Nicaraguaner, die sich Christen nennen und denen wir vertraut hatten, ein anderes Verständnis von Ehrlichkeit haben. Sie sind in ihren eigenen Augen oft ehrlich, aber nicht nach unserem deutschen oder amerikanischen Verständnis von Ehrlichkeit. Man verkauft in unserem Auftrag etwas für uns und gibt uns dann nur einen Teil des Kaufpreises weiter und behauptet, das wäre der volle Betrag gewesen. Was nicht dazu gesagt wird ist, dass das der volle Betrag nach Abzug eines eigenen Provisionsanteiles nach eigenem Ermessen ist. Oder ein Mann betrügt seine Frau und würde das nie als Betrug auffassen. Das ist Notwendigkeit.

Das Drama um unser herzkrankes Kind, das dringend operiert werden muss, geht in den zweiten Akt. Wir haben endlich einen Brief eines hiesigen Kardiologen bekommen, dass er im Ausland operiert werden muss. Seine Ärztin sagte uns zwar schon vor Wochen, dass es dringend ist, wollte uns aber keine Unterlagen geben, so dass wir uns garnicht um eine OP bemühen konnten. Jetzt haben wir endlich einen Brief, jetzt sagt uns das Familienministerium wir müßten beweisen, dass man die OP nicht in Nicaragua machen kann und dazu hätten wir einen Termin am 16. Januar in einem Krankenhaus, die das feststellen sollten. Wer weiß wie lange das Schreiben dann dauert.

Erst mit dem Schreiben des Krankenhauses würde man beginnen an seiner Geburtsurkunde zu arbeiten. Aber nur mit Geburtsurkunde kann man an einem Reisepass arbeiten und nur mit Reisepass kann man ein Visum beantragen und nur mit Visum kann er in USA operiert werden. 

Die Regierung erschwert ausländische Hilfe zunehmend.

Manchmal fällt es schwer, nicht einfach aufzugeben und zu sagen, dann versorgt eure Kinder doch alleine, wenn ihr das wollt und könnt. Sie wollen es, aber können es nicht, aber geben es nicht zu, dass sie es nicht können. So viel Stolz ist unerträglich, die Kinder des Landes, die Armen und die Schwachen, alle leiden sie unter so viel Stolz

Schnitzeljagd

Wir sind in Deutschland. Alles ist uns so bekannt und vertraut. Trotzdem ertappen wir uns immer wieder dabei Vorsorge für Strom- und Wasserausfälle zu treffen. Ich spüle immer sofort nach dem Essen das Geschirr, es könnte ja später kein Wasser mehr geben. Andreas hat die Digitaluhr der Mikrowelle nicht gestellt – beim nächsten Stromausfall ginge die Programmierung ja wieder verloren.

Die Kälte macht uns nicht so zu schaffen wie wir erwartet hätten. Aber die Lufttrockenheit. Unsere Haut ist wie ein Schwamm, Hautlotionen und Cremes werden aufgesaugt und hinterlassen trozdem nur eine trockene, schuppige Haut.

Die Dokumente, die wir für eine Aufenthaltsgenehmigung in Nicaragua hier in Deutschland besorgen müssen sind zahlreich und teilweise nicht ganz verständlich. Beglaubigungen der Beglaubigungen und dann noch einmal überbeglaubigen lassen. Aber jetzt wo wir es angegangen sind, scheint der Berg erklimmbar zu sein. Vor ein paar Wochen wollte ich es nicht glauben und habe mir Alternativen überlegt. Aber alle 3 Monate eine Visumverlängerung beantragen und bezahlen und dann alle 6 Monate das Land für einige Tage verlassen ist auch nicht so das Wahre. Also ran an die Schnitzeljagd. Nur das es bei unseren Papieren nicht um unser Leben geht.

Emotional wesentlich belastender finde ich die Jagd nach Gabriels Papieren. Der kleine herzkranke Junge aus unserem Kinderheim muss dringend operiert werden, im Ausland. Es ist nicht einfach ein Krankenhaus zu finden, dass ihn umsonst operieren kann, aber es sieht so aus, als haben wir eins gefunden. Das ist die gute Nachricht. Jetzt muss das Kind erst einmal eine Geburtsurkunde bekommen, die unsere Kinderheimkinder nur sehr schwer bekommen. Erst dann kann man einen Pass beantragen und ein Visum. Unsere Kollegin kümmert sich in Managua darum. So beten wir, dass der Kleine diese Zeit überlebt. Dann werde ich mit ihm reisen.

Die Müllgebühren

Heute kam unser Vermieter um die Miete für November einzuholen. Ich zeigte ihm die Müllgebührenrechnung, die in unserem Breifkasten lag, weil der Gebühreneinsammler uns nicht zu Hause andgetroffen hatte. Auf der Rechnung stand eine Adresse wo wir die Gebühren einzahlen sollten. Aber da wir die Adressen hier ja noch nicht alle verstehen (es gibt keine Straßennamen und Hausnummern) wollten wir vom Vermieter erklärt haben wo die Stelle ist.

Er meinte, ach, die Müllgebühren, die bräuchten wir nicht unbedingt zahlen. Das wäre hier so was wie optional. Vielleicht kämen sie ja noch einmal an die Tür. Dann könnten wir, wenn wir mit ihrer Arbeit glücklich sind, sozusagen als Anerkennung, die Gebühr zahlen. Und wenn wir es uns leisten können. Er selber sei der einzige, der die Gebühr in seiner Straße zahlt.

Ja, ob die dann nicht irgendwann unseren Müll nicht mehr mitnehmen? Nein, nein, da soll ich mir mal keine Sorgen machen. Aber beim Strom, da müßte ich aufpassen. Wenn ich den nicht zahle, dann könnten sie ihn uns abstellen.

Da fiel mir der entlegene Ort hinter Rivas ein, wo wir bei einer armen Familie lebten. Da dort kaum einer für den Strom bezahlt, gibt es nur Abends von 18 Uhr bis Morgens 6 Uhr Strom.

Das Klima

Die Nicaraguaner sagen uns, die schönste Zeit des Jahres hat hier gerade begonnen. Die Regenzeit wird innerhalb der nächsten 2 Monaten abklingen (sie ist ja jetzt auch schon 6 Monate in Gange) und die Temperatur ist niedriger als sonst. Temperaturen wie für mich geschaffen. Gestern Abend zog ich einen langen Schlafanzug an und bedeckte mich mit eine dünnen Decke. Wir haben jetzt endlich ein Thermometer. Es zeigte 27 Grad an. Andreas legte sich unbedeckt schlafen. Aber im Laufe der Nacht wurde es immer kühler, dass er auch ein wenigstens ein Laken brauchte. Die Temperatur fiel auf 25° C ab!

Die lange Regenzeit läßt vieles schimmeln oder Stockflecken bekommen, wie ich schon berichtete… Aber obwohl ich eine Schimmelpilzallergie und sonst viele Allerigen habe, habe ich hier so gut wie keine asthmatischen Beschwerden gehabt. In unserem letzten Missionarstreffen unterhielten wir uns darüber und Christina meinte es läge daran, dass der Schimmel hier „einfach frischer“ ist. Das fanden alle lustig. 

Was die einzelnen dann beríchteten, wem es wo besser oder schlechter geht war interessant. Manche haben hier viel mehr Allergien, manche haben einen ständigen Juckreiz am ganzen Körper, während andere von der feuchten Luft profitieren. Wenn sie nach Hause fliegen bekommen sie Nasenbluten, weil ihre Schleimhäute die trockene Luft nicht mehr vertragen.

Wir brauchen gar keine Körperlotion mehr. Die Luft is so feucht, dass wir trockene Haut und Ekzeme gar nicht mehr kennen. Anders bei manchen Kindern im Kinderheim, die vom vielen Schwitzen und von der Sonne Ekzeme kriegen.

Wir jucken uns allerdings auch oft – wegen der Insektenstiche.  

Und ein Kälteasthma, das ich immer bei Sport unter 20° bekam, habe ich auch nicht mehr. Meistens will man bei über 20° sowieso kein Sport machen…

Wie auch immer, das momentane Klima tut uns gut.

Schutzengel auf der Strasse

Vergrößerung: SchlaglochDer Zustand der alten Straße nach Leon (einen anderen Namen hat die Straße, die zum Kinderheim führt nicht) verschlechtert sich von Tag zu Tag. Am Ende der Trockenzeit waren die Schlaglöcher alle geflickt worden, aber mit den Beginn des Regens hat sich wieder eins nach dem anderen aufgetan. Und von Tag zu Tag werden sie tiefer. Hin und wieder liegen Autos mit einem Achsenbruch am Wegesrand. Letzte Woche ist unser Nachbar in das auf dem Photo gefahren und es verwundert uns, dass sein Auto nur einen platten Reifen hatte. Das Bild haben wir heute gemacht, am zweiten Tag an dem die Sonne mal schien, nach 23 Tagen ununterbrochenen Regens.

Als ich zum Kinderheim fuhr, kam mir die Fahrt wie ein Computerspiel vor (obwohl ich so gut wie nie am Computer spiele). Permanent Schlaglöchern, Menschen, Pferden, Kühen, Bussen ausweichen. Das Slalom fahren um die Schlaglöcher herum, wirkte schon fast irreal auf mich. Wie am Monitor sitzen und Hindernisse umfahren. Sieben Leben habe ich, dachte ich mir. Wenn das Auto sieben mal einen Achsenbruch oder so was hatte, ist es ganz futsch. Dann ist das Spiel mit diesem Auto zu Ende gespielt. 

Aber jetzt mal wieder Ernst, die Straße ist so schlecht, man fragt sich immer, ob in manchen Ländern der Welt Gott mehr Schutzengel pro Person und Auto einsetzt. Jedenfalls beten wir täglich um Schutz und das Gott uns vor Unfällen bewahrt.

Als ich letzte Woche eines Morgens zum Fenster rausschaute, stand  Andreas stand mitten auf unserer kleinen Straße mit den Händen in die Hüfte gestemmt und schaute besorgt. Ich dachte mir, dass ich gleich mal nachschauen muss, was da los ist (kämpfende Hunde, streitende Kinder, randalierende Teenager?). Als ich das so dachte und meinen Besen wegbrachte, hörte ich einen Knall und Andreas aufschreien.

Ich rannte raus und da stand ein schöner weißer Mittelklassewagen mit seiner hintern Stoßstange an unserer hinteren Stoßstange. Die Fahrerin stieg aus, schüttelte uns die Hand, sagte „Mucho gusto“ (= „Angenehm Sie kennenzulernen“) und entschuldigte sich für das „Drauf fahren“. Sie habe den kämpfenden Hunden zugesehen und nicht zurück geschaut beim Rückwärtsfahren. Das hatte Andreas beobachtet. Nachdem sie mehrmals versucht hatte zu wenden und es ihr nicht gelang, ist sie 15 Meter schnurstracks rückwärts gefahren.

Andreas und ich schauten uns unsere Auto an und da es ja recht robust ist, hatte es keinen Schaden. Wir waren erleichtert und Andreas sagte ihr, es sei in Ordnung. Nein, sagte sie, für Euch vielleicht, aber nicht für mich! Leider war ihre schöne weiße Stoßstange ziemlich verbeult. Ja, sie hat recht. Sie tat uns leid. 

Da sie unsere übernächste Nachbarin ist, vereinbarten wir zum weiteren Kennenlernen einen netteren Anlass zu suchen.